Holz hacken, Wasser schleppen, atmen

Stellen Sie sich bitte mal ein Fußballfeld vor. In der Regel ist es 105 Meter lang. Und nun stellen Sie sich vor, Sie würden von einer Seite zur anderen tauchen, wieder zurück – und noch einmal drei Meter. Geht nicht, denken Sie vielleicht? Doch. Tom Sietas hat genau diese Strecke absolviert. Ohne Flossen, ohne zu atmen. Der 49-Jährige ist Apnoetaucher – und hat diesen Weltrekord über 213 Meter im Jahr 2008 aufgestellt.

Es ist nur einer von vielen Rekorden des mehrmaligen Weltmeisters. Beim Apnoetauchen oder Freitauchen atmet der Taucher vor dem Abtauchen ein und nutzt im Gegensatz zum Gerätetauchen für den Tauchgang nur diesen einen Atemzug. Den Zeitraum des Luftanhaltens bezeichnet man als Apnoe, das aus dem Griechischen und bedeutet: ohne Atem.

Doch wie schafft man das, was Sietas schafft – oder besser geschafft hat? Denn inzwischen ist er nicht mehr aktiv. Er taucht zwar nach wie vor gern, erzählt er als Gast im WELT-Podcast WELTMeister, doch hält inzwischen Vorträge über Resilienz, mentale Gesundheit und Spitzenleistung unter Druck. Im Oktober des vergangenen Jahres ist das Buch „Deine Atmung ändert alles!“ erschienen, ein Spiegel-Bestseller.

„Dann kam irgendwann die mentale Komponente hinzu“, berichtet Sietas

Sietas erzählt darin, wie Stress mit gezielten Atemtechniken reguliert und die Leistungsfähigkeit gesteigert werden kann. Beim Tauchen, berichtet Sietas, würde es immer auch um „mentale Kontrolle“ gehen. Dies sei ein unheimlich hohes Gut, „weil man dadurch in schwierigen Situationen lernt, auch gelassen zu bleiben“.

Mit der Liebe zum Wasser und dem Wunsch, den Lebensraum unter Wasser zu entdecken, habe einst alles angefangen. Bei einem Tauchurlaub auf Jamaika habe er gespürt, wie sehr es ihn flasht, unter Wasser zu sein – und vor allem, „dort länger unten zu bleiben“. Nach einer schönen Erfahrung mit einem Rochen unter Wasser „bin ich in den Pool gestiegen und habe mir gesagt, dass ich die Zeit unter Wasser ausbauen muss. Und dann kam irgendwann diese mentale Komponente dazu. Denn ich finde“, fügt Sietas an, „dass es schon sehr viel mit Selbstbeherrschung zu tun hat, wenn man trotz des Urinstinkts entspannt bleiben und Sauerstoff sparen muss.“

Was das Atmen betrifft, erzählt Sietas, sei es wichtig, mal bewusst gleichmäßig und langsam zu atmen. „Über diese Atmung kommt man dann in so einen ausgeglichenen Zustand, in dem auch Geist und Körper gut miteinander kommunizieren. Das heißt, das ganze Nervensystem ist dann flexibler und da wirst du unheimlich kreativ. In dem Moment, wo du so ausgeglichen und ruhig bist, da kommen dir die besten Gedanken, da erhöht sich deine gedankliche Flexibilität, du hast ein größeres Denkhandlungsrepertoire. Das kann ich nur jedem empfehlen, der mal wieder so ein bisschen geistig zur Ruhe kommen möchte und auf andere Gedanken“, erzählt Sitas mit Blick auf das bewusste Atmen – und auf den Umgang mit Drucksituationen.

Harry Kane etwa, der Stürmerstar des FC Bayern, sei nach Auffassung von Tom Sietas ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man mit Drucksituationen umgehen könne. Vor seinen Elfmetern, für die er bei den Münchnern verantwortlich ist, würde man sehen, dass er eine bestimmte Atemtechnik habe.

„Das ist ja was, was jeder heutzutage echt gut gebrauchen kann. Also jeder, der Leistung bringen will, der ist ja viel unter Dampf und das führt häufig dazu, dass unser Nervensystem im dauerhaften Erregungszustand ist, wir also chronisch gestresst sind.“ Mit den Methoden, die er aus der Welt des Tauchens mitbringe, könne er Unternehmen oder auch Einzelpersonen helfen, wie man in bestimmten Situationen reagieren und dauerhaft dafür sorgen könne, „wieder bei mehr Energie zu sein und sich nicht so aufzuarbeiten, wie und wann man sich erholt.“

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