Wenn Narziss sich in sein Spiegelbild verliebt, so können wir dies so interpretieren, dass es ihm fundamental an einem leiblich verankerten Selbstwert mangelt und er im Virtuellen, Scheinbaren des glänzenden Bildes diesen Mangel auszugleichen sucht. Doch das Bild spiegelt nicht das eigene Selbst im elementarleiblichen Sinn wider, sondern nur seinen Außenaspekt – den Körper. In sein Spiegelbild verliebt zu sein, ist daher nicht gleichbedeutend mit innerem Selbstwert und echter Selbstliebe. Es bedeutet im Gegenteil bereits eine Selbstentfremdung. Narziss liebt nicht sich, sondern nur sein Abbild.

‚Cause he never told what he saw
This little finger went off for a drive
He went through the tunnel of death
And came back from after life
This little finger was never really the same again
But he still had a nice life
‚Cause he never told what he saw
But still he went on turning knobs and pushing buttons
But still he went on turning knobs with his thumb
Enveloppe, overview
Attack may be gradual
Or anything in between
Likewise when a sound ends
It dies away completely
The final drop in brightness
We call it its release
Dass das Spiegelmotiv und die Eitelkeit besonders in der späteren christlichen Vanitas-Tradition eng verknüpft waren, hat mit dieser dialektik von Leib und Körper zu tun: Vanitas (von lat. vanus = leer, nichtig, vergeblich, eitel) bezeichnet den leeren, täuschenden Schein, der sich einstellt, wenn sich der Mensch in der Virtualität seines Bildes verliert und der „Glanz des Spiegels“ den fehlenden Selbstwert ersetzen soll. Die narzisstische Sehnsucht nach diesem Glanz – sprich: nach Bestätigung, Ruhm und Anerkennung von außen – muss in der Tat vergeblich bleiben: Das Bild kann gar nicht mit dem primären, leiblichen Selbst koinzidieren, da es ohne dessen elementares Selbstwertgefühl von vorneherein ein falsches Selbstbild ist. Die Erscheinungsform des Glänzens, des sich-Spiegelns bleibt dem Selbst immer äußerlich. Im Spiegel des anderen kann man sich also nicht wirklich selbst finden, und man wird von ihm auch nicht emotional genährt: Narziss stirbt schließlich an seiner Sehnsucht, da nichts äußeres seinen inneren Seinsmangel, seinen Hunger nach Selbstsein, stillen kann.

Du musst das Leben nicht verstehen
Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.
Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.
Rainer Maria Rilke, 8.1.1898, Berlin-Wilmersdorf
Eine klassische Darstellung der Dialektik von Leib-selbst und Körper-Bild gibt Kleist in seinem Essay „Über das Marionettentheater“: ein graziler Jüngling erblickt sich bei einer spontanen Geste im Spiegel und der Anblick erinnert ihn an eine bekannte antike Statue. Von da an verliert er all seine Grazie, also seine natürliche leibliche Schönheit, „und als ein Jahr verflossen war, war keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm zu entdecken.“
Das Spiegelbild als Außenseite des Leibes, so zeigt Kleists Erzählung, führt zu einer Entfremdung von der leiblichen Unmittelbarkeit.
Hey Eugene
This is Henry McClean
And I’ve finished my beautiful flying machine
And I’m ringing to say
That I’m leaving and maybe
You’d like to fly with me
And hide with me, baby
Isn’t it strange
How little we change
Isn’t it sad we’re insane
Playing the games that we know end in tears
The games we’ve been playing for thousands and thousands and thousands
Jumps into his cosmic flyer
Pulled his plastic collar higher
Light the fuse and stand right back
He cried
This is my last goodbye
Point me at the sky and let it fly (point me at the sky and let it fly)
Point me at the sky and let it fly (point me at the sky and let it fly)
Point me at the sky and let it fly
And if you survive till two thousand and five
I hope you’re exceedingly thin
For if you are stout you will have to breathe out
While the people around you breathe in (breathe in, breathe in, breathe in)
People pushing on my sides
Is something that I hate
And so is sitting down to eat
With only little capsules on my plate
And all we’ve got to say to you is goodbye
It’s time to go, better run and get your bags
It’s goodbye
Hey Jean look at the screen and it’s goodbye
Julian hey, the milky way and it’s goodbye
Crash, crash, crash, crash, goodbye
I am going to say goodbye

Thomas Fuchs: „Die Sterblichkeit ist die Achillesferse der narzisstischen Persönlichkeit“
Glaubt man den sozialen Medien, entsteht der Eindruck: Narzissten lauern allerorten und man muss sich dringend vor ihnen schützen. Wie charakterisieren Sie den zeitgenössischen Diskurs zum Thema?
Auf der einen Seite beobachte ich eine übermäßige Wahrnehmung von Narzissmus. Da er überall zu sein scheint, müsse man sich vor ihm auch besonders in Acht nehmen. Er führe uns ins Übel oder sogar vielleicht ins Verderben, gerade vor dem Hintergrund der vielen narzisstischen Führungspersönlichkeiten aktuell in der politischen Welt. Aber auch in unseren privaten Beziehungen gehe es darum, sich rechtzeitig zu schützen, gerade in Partnerbeziehungen. Und auch darum, Narzissmus zu erkennen, auf „Red Flags“ aufmerksam zu werden, die uns warnen: Vorsicht, hier wirst du narzisstisch über den Tisch gezogen oder manipuliert. Auf der anderen Seite wird Narzissmus aber auch zur Normalität erklärt und behauptet, er habe ja auch eine gute Seite, nämlich ein gesundes Selbstbewusstsein, auf das man vielleicht sogar stolz sein kann. Doch beide Sichtweisen stimmen nicht: Weder sind wir von zahllosen pathologischen Narzissten umgeben noch ist Narzissmus etwas Wünschenswertes.
