Individuum und Gesellschaft

Der Borderline-Mensch ist nicht neurotisch wie seine Väter. Er kennt keine Schuldgefühle und hat keinerlei Sinn für die Zukunft. Er lebt nur in der Gegenwart und in seinem eigenen Handeln. Analog zu dieser individuellen Funktionsweise kann man beobachten, dass in der postmodernen Borderline-Gesellschaft ein Übergang von „Alles ist erlaubt“ zu „Alles ist möglich“ stattfindet.

Es wäre vermessen anzunehmen, privates wäre privat.
Wir sind bis in die Tiefen unserer Intimsphäre, unserer Empfindungen, Werte, Verhaltensweisen durch unsere Gesellschaft bestimmt. Die wenigsten sind sich dessen, oder der Tragweite dessen, bewusst.
ZB leben wir in einer in der Grundstruktur narzisstischen Gesellschaft. Unsere Gesellschaft möchte Narzissten. Um ein erfolgreicher Unternehmer zu werden, Karriere zu machen, zu Ruhm und Ansehen zu gelangen, berühmt zu werden, da ist es sehr förderlich, narzisstisch zu sein. Mütter, die „das beste“ für ihre Kinder wollen, schicken sie schon vor der Vorschule in den Englisch-Förderkurs.
Natürlich ist der dann gesellschaftlich produktive Narzissmus nicht unbedingt das, was in den persönlichen Liebesbeziehungen dauerhaft erfüllend ist.

Die Soziologin Eva Illouz hat in ihren Werken „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“, „Wa(h)re Gefühle – Authentizität im Konsumkapitalismus“ und vielen anderen umfassend die scheinbar private Gefühlswelt mit ihrem Zusammenhang mit der Gesellschaft tiefschürfend und in der Breite analysiert. Besonders beachtlich ist ihre Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Trilogie „50 Shades of Grey“, die in Millionenauflage verkauft werden, bei der aber in offenen Befragungen so gut wie keine Frau erklärt, das „Werk“ gekauft, gelesen oder sogar für anregend gehalten zu haben.

Arno Gruen, von mir hochgeschätzt, sieht einen gesellschaftlichen Druck, die innere Empathiefähigkeit zu unterdrücken und zu verleugnen, um sich in der Masse verstecken zu können; doch die Verdrängung gelingt im persönlichen nicht, und führt zu einer inneren Entfremdung. Er legt an überzeugenden Beispielen dar, wie im Dienste dieser Verdrängung sogar sich die Psychologieforschung als sachliche Naturwissenschaft zu etablieren sucht, und ihren Blick auf das menschliche zur Seite schiebt.

Auch die allgemeine Sexualität, scheinbar privatester Natur, wird tatsächlich massiv gesellschaftlich mitbestimmt. Robert Muchemblad beschreibt eine Geschichte der abendländischen Sexualität, „Die Verwandlung der Lust“, ihrer Unterdrückung und Sublimierung in den letzten fünfhundert Jahren.

Richard Sennett sieht eine Möglichkeit, aber keine Lösung, in dem Rückzug ins private; aber dort unterliegt man der „Tyrannei der Intimität“. Also muss man doch wieder raus, in die Gemeinschaft, in die Gruppe, mit allen Schwierigkeiten – die Alternative ist die mit Verbitterung verbundene Einsamkeit; nicht wenige, die in ihrer scheinbaren Ohnmacht diesen Weg wählen, der stets jedoch nur eine Verzögerung, keine Erlösung von der finalen Auseinandersetzung bringen wird.


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