Ferien für immer

Hier wohne ich. Ist es nicht schön hier?

Im deutschsprachigen Raum, also in Deutschland, ist es ja furchtbar. Die Schweiz wäre ja das allerärgste, dort möcht’ ich wirklich nicht angemalt sein. Nein, nein, das Ideale ist weg, weit weg und in ein Hotel, so lang es einem paßt, und dann in ein anderes. Sie können am Meer entlangrennen oder im Wald, und Sie kommen heim, alles ist fertig und da. – Thomas Bernhard

Hier wohne ich. Ist es nicht schön hier?

Why do the wrong people travel, travel, travel,

When the right people stay back home?

What compulsion compels them And who the hell tells them

To drag theirs cans to Zanzibar

Instead of staying quietly in Omaha?- Noël Coward: Sail Away

Hier wohne ich. Ist es nicht schön hier?

I grow old … I grow old …

I shall wear the bottoms of my trousers rolled.

Shall I part my hair behind? Do I dare to eat a peach?

I shall wear white flannel trousers, and walk upon the beach.

T.S. Eliot: The Love Song of J. Alfred Prufrock

Hier wohne ich. Also dahinter 🙂 Ist es nicht schön hier?

Ich glaube nicht ans Reisen – nur daran, daß man auf Sylt, Sri Lanka, Sumatra, in Nord-Vietnam und den Tiroler Alpen, wo auch immer, seine CD-Sammlung, Balkonpflanzen, eingerahmte Postkarten, sein Kopfkissen und am Ende doch seine Freunde vermissen lernen kann. Das ist doch was. Reisen handelt davon, die Unendlichkeit als Endlichkeit akzeptieren zu lernen und andersrum – was nur bedeutet, daß selbstverständlich nirgendwo so viel Platz ist wie in der miesen, kleinen Enge unter der eigenen Wohnzimmerlampe. Weiter glaube ich, daß man in der Ferne – so wie daheim – ab und zu ein kühles Mineralwasser will. Dafür habe ich nun überhaupt keine Erklärung. Es gibt diesen einen richtigen Satz, den man in der Ferne nicht oft genug sagen kann: »Grüß Gott, bitte ein Mineralwasser.«

Hier wohne ich. Ist es nicht schön hier?

Statt Flugtickets zu kaufen oder mich mit diesen inflationär immer schicker, klüger und jünger werdenden Menschen zu unterhalten, die an einer Bimmelbahnstation in Indien plötzlich zu einer nie geahnten inneren Ruhe finden, habe ich gerade meine CD-Sammlung neu sortiert. Auch diese Ordnung mag ich – bloß kann ich mir unter jeder einzelnen CD, diesen durchaus häßlichen Plastikdingern, unter denen die Schallplattencover von früher stecken, etwas vorstellen: Die Beatles kommen vor Elvis Costello vor Public Enemy vor Guns’n’Roses vor den Beastie Boys vor Elvis vor Morricones »Spiel mir das Lied vom Tod« vor Beethovens vierter Symphonie in der Aufnahme von Carlos Kleiber, denn diese CDs habe ich in dieser Reihenfolge so gehört. CDs zu sortieren – pathetisch ausgedrückt, mein Leben einem faßbaren Sinn unterzuordnen –, das ist mein Urlaub.

Wo es schön ist, ist das Leben schön.

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