„Resilienz wird durch neurobiologische Prozesse im Gehirn bestimmt“
Warum bleiben manche Menschen selbst nach schweren Belastungen psychisch gesund, während andere daran zerbrechen? Diese Frage beschäftigt Forscher seit Jahren. Nun entdecken sie einen erstaunlichen Mechanismus im Gehirn.
Während manche sich weder vom drängelnden Chef noch von der nahenden Frist aus der Ruhe bringen lassen, bringt andere Kollegen schon ein vergessener Mailanhang aus dem Konzept. Reine Typsache, könnte man sagen. Doch so einfach ist es nicht.
Warum manche Menschen selbst schwere Krisen erstaunlich gut bewältigen, beschäftigt die Forschung seit Jahren. Jetzt haben Wissenschaftler Hinweise auf ein Hirnnetzwerk gefunden, das mit Resilienz zusammenhängt.
Wer resilient ist, bleibt auch nach belastenden Erfahrungen psychisch stabil und kann sogar gestärkt aus einer Krise zurückkommen – in einer verpassten Chance schnell einen Sinn oder gar eine Chance sehen. Wie das Gehirn diese Widerstandskraft entwickelt, war bislang allerdings nur in Ansätzen bekannt.
Forscher der Universitäten Halle-Wittenberg und Münster haben deshalb untersucht, was im Gehirn resilienter Menschen anders läuft. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Research. Für den ersten Teil der Studie werteten die Forscher Daten von 121 gesunden Erwachsenen aus.
Sie schauten sich an, welchen Belastungen die Teilnehmer in den vergangenen drei Monaten ausgesetzt gewesen waren und wie sich ihre psychische Gesundheit entwickelt hatte. Daraus berechneten sie einen Wert für die individuelle Stressreaktion. Wer trotz hoher Belastung psychisch stabil blieb, galt als besonders resilient.
Anschließend mussten die Teilnehmer einen Aufmerksamkeitstest lösen. Sie sollten möglichst schnell auf Pfeile reagieren und deren Richtung bestimmen. Gleichzeitig blendeten die Forscher neutrale oder belastende Bilder ein, die die Teilnehmer ablenken sollten. So konnten die Forscher messen, wie gut die Teilnehmer störende emotionale Reize ausblenden konnten. Hierfür zeichneten sie die Hirnaktivität mit einem Elektroenzephalogramm auf.
Menschen mit höherer Resilienz ließen sich von den emotionalen Bildern weniger ablenken. Sie lösten die Aufgaben zudem schneller und mit weniger Fehlern. Gleichzeitig kommunizierten zwei Hirnregionen besonders eng miteinander. Der rechte untere Frontallappen steuerte die Aktivität im visuellen Kortex stärker. Die Forscher vermuten, dass das Gehirn störende Reize dadurch besser filtern kann.
Danach wechselte das Forschungsteam ins Tiermodell. Die Mäuse waren über mehrere Tage wiederholt Stress ausgesetzt worden. Anschließend prüften die Forscher, ob die Tiere weiterhin den Kontakt zu einer fremden Maus suchten oder ihn mieden. Anhand dieses Verhaltens stuften sie die Tiere als resilient oder nicht resilient ein. Danach beobachteten sie einzelne Nervenzellen im visuellen Kortex.
Und auch dort stellten sie Unterschiede fest. In Ruhe waren die Nervenzellen resilienter Mäuse seltener aktiv. Anschließend wurde den Tieren bewegte Streifenmuster in verschiedenen Richtungen gezeigt. Die Nervenzellen resilienter Mäuse reagierten deutlich präziser auf diese visuellen Reize. Sie konnten die Bewegungsrichtung genauer unterscheiden als die Nervenzellen weniger resilienter Tiere.
Es zeigte sich auch: Mäuse ohne vorherigen Stress unterschieden sich kaum von den anfälligeren Tieren. Ihre Hirnaktivitäten ähnelten nicht denen der resilienten Gruppe. Das bestätigt laut den Forschern die Annahme, dass Resilienz nicht einfach angeboren und damit Charaktersache ist. Vielmehr scheint sich das Gehirn nach belastenden Erfahrungen aktiv umzubauen.
Die Studie liefert damit Hinweise darauf, dass Resilienz nicht nur mit einzelnen Hirnregionen zusammenhängt. Entscheidend könnte vielmehr sein, wie verschiedene Bereiche des Gehirns zusammenarbeiten. Vor allem die Verbindung zwischen Frontallappen und visuellem Kortex rückt dabei in den Mittelpunkt.
„Resilienz wird oft anhand des Verhaltens einer Person gemessen. Dieses wird jedoch letztlich durch neurobiologische Prozesse im Gehirn bestimmt“, wird Mitautor Albrecht Stroh in einer Mitteilung zitiert. Offen bleibt allerdings, ob diese Netzwerkveränderungen Resilienz verursachen oder lediglich mit ihr einhergehen. Die biologischen Mechanismen konnten die Forscher bislang nur im Mausmodell untersuchen.
