Der Baseler Psychiater Benedetti zählt international zu den besten Kennern der Schizophrenien, und seine zahlreichen Publikationen
über den schizophrenen Kranken gehören zu den meist lesenswerten Schriften der deutschsprachigen Psychiatrie. Nun hat Benedetti in diesem Buch seine Erfahrungen in der Diagnostik, im Umgang und
insbesondere in der Psychotherapie schizophrener Menschen zusammengefaßt. Es handelt sich nicht um ein Lehrbuch, sondern um eine Monographie, in der die außerordentlich umfangreichen und zugleich tiefgreifenden ärztlichen Erfahrungen aus Jahrzehnten intensiver Arbeit lebendig dargestellt werden. Auch den Borderline-Psychosen ist ein Kapitel gewidmet.
Unter „Todeslandschaften“ (Titel) versteht der Autor „Leerräume in denen gewisse menschliche Fähigkeiten nicht zur Entwicklung gelangen und existentiell unentbehrliche Grundmuster sich nicht konfigurieren können . „. Dieses Buch ist jedem zu empfehlen, der
beruflich, gleich in welcher Position, mit schizophrenen Menschen zu tun hat.

Die innere Tragödie des schizophrenen Menschen wird nirgendwo in der psychiatrischen Literatur so erhellend erörtert wie in diesem Buch. Der Autor zeigt, nach jahrzehntelanger Erfahrung in der Psychotherapie der Schizophrenie, wie es möglich ist, im selben Geist beides zu erfassen: das Abnorme und das Menschliche, das Unsrige im Kranken.
Psychoanalytisches «Verstehen» im Fall einer schizophrenen Patientin – Julia Braun (Zürich)
Zusammenfassung: Anliegen dieses Artikels ist es, zu zeigen, wie hilfreich der Ansatz von Josi Rom für die Entwicklung eines psychodynamischen Verständnisses schizophrener Menschen in der therapeutischen Arbeit ist. Die drei von Benedetti in «Todeslandschaften der Seele» dargelegten Primärsymptome der Schizophrenien, Spaltung, Autismus und Athymie, dienen als theoretische Aspekte seines Ansatzes. Die Autorin erläutert deren Bedeutung anhand eines Fallbeispiels aus ihrer psychotherapeutischen Praxis mit schizophrenen Patienten. Im Therapieverlauf werden zwei verschiedene Therapiephasen aufgrund der unterschiedlichen Intensität des Kontaktwiderstandes unterschieden. Diesem kommt für die Behandlung von schizophrenen Patienten eine zentrale Rolle zu. Gegenstand der Auseinandersetzung wird auch die Reinszenierung der Psychose in der Teamdynamik sowie die Problematik des Therapieendes sein.

Menschen, die an Schizophrenie oder an einer Borderline-Störung leiden, bewegen sich an und um die Grenzen ihrer eigenen, sich auflösenden oder fluktuierenden Identität. Ausgehend vom Drei-Instanzen-Modell von Freud zeigt dieses Buch an einem einfachen Konzept des Ich, besonders der Ich-Grenze, die Unterschiede zwischen beiden Erkrankungen sowie deren klinische Relevanz auf. Psychopathologie und Psychodynamik von Schizophrenie und Borderline-Störung werden dargestellt. Eingestreute Fallbeispiele bauen eine Brücke von der Theorie zum betroffenen Menschen. Tiefes Verständnis für fremde Welten, geduldige Annäherung sowie der feinfühlige Umgang mit Menschen, die sich in psychotischen oder psychosenahen Zuständen befinden, stehen im Mittelpunkt. Im Hauptteil zeigt ein künstlich-chronologischer Therapieverlauf, wie verschieden eine therapeutische Beziehung zu einem Menschen, der an einer schizophrenen oder Borderline-Störung leidet, aufgebaut, erhalten und konstruktiv entwickelt werden kann. Fragestellungen des Therapeutenalltags werden dabei für jede Therapiephase analysiert und mögliche Wege aus Dilemma-Situationen aufgezeigt. Abschluss, Trennung und die Zeit nach der Therapie sind wichtige Themen, die das Kapitel abrunden. Dieses Buch ist kein Manual, sondern eine Orientierungshilfe.
Einleitung
Anhand eines klinischen Beispiels zeige ich, stellvertretend für viele andere Therapieverläufe auf, wie Schizophrenien aus psychodynamischer Sicht modellhaft verstanden werden können.
Ich war mehrere Jahre lang als Psychotherapeutin in einer Spezialeinrichtung für an einer Psychose erkrankte junge Erwachsene tätig. Viele der Patienten hatten eine oder mehrere akut psychotische Phasen einer paranoiden Schizophrenie (ICD-10 F20.0) mit Positivsymptomatik (Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Ich-Erlebnis-Störungen) hinter sich und litten nun überwiegend unter einer Negativsymptomatik (Antriebsmangel, Affektarmut, Aufmerksamkeitsstörungen, Alogie, Asozialität). Ihr Alltag wurde durch Dienste in den betreuten Wohnheimen, in denen sie lebten, Arbeitstherapie in verschiedenen handwerklichen Bereichen sowie unterschiedliche Freizeitangebote strukturiert. Zudem gab es verschiedenste therapeutische Angebote, wie eine Psychoedukationsgruppe, Physio-, Kunst- und Ergotherapie. Die Patienten erhielten eine psychiatrisch-psychotherapeutische Einzelbehandlung, wobei verschiedene Therapieschulen vertreten waren. Ich selber nahm eine psychodynamische Blickrichtung ein. Erreichten die Patienten die von der Institution vorgegebenen notwendigen Voraussetzungen, konnten sie sich im Rahmen eines Praktikums erproben und im besten Fall eine Ausbildung beginnen.
Bei der Patientin, auf deren Therapieverlauf ich nach einigen theoretischen Ausführungen ausführlicher zurückkommen werde, handelt es sich um eine Frau Anfang zwanzig, die gemeinsam mit zwei jüngeren Geschwistern bei ihren Eltern aufgewachsen war. Vater und Mutter waren verheiratet und befanden sich in stabilen Anstellungsverhältnissen. Die Patientin hatte einen mittleren Schulabschluss absolviert und eine Ausbildung begonnen, die sie aufgrund einer akut psychotischen Symptomatik im Rahmen einer paranoiden Schizophrenie abbrechen musste. Ihre Symptomatik beinhaltete Wahnwahrnehmungen, Gedankenabreissen sowie akustische Halluzinationen in Form einer Stimme, die meistens wohlwollend zu ihr sprach. Aufgrund einer massiven Gewichtsreduktion und Weinkrämpfen wurde sie in eine akutpsychiatrische Klinik eingewiesen, in der sie einige Monate lang klassisch psychiatrisch behandelt wurde. Eine weitere mehrmonatige Behandlung in einer Tagesklinik folgte und schliesslich der Aufenthalt in unserer Einrichtung.
In der ersten Zeit nach ihrem Eintritt in unsere Institution gab die Patientin kurzzeitig auftretende akustische Halluzinationen in Stresssituationen an. Sie berichtete mir im einzeltherapeutischen Setting, in dem ich sie einmal pro Woche sah, eindrücklich, wie sie ihre halluzinierten Stimmen selber aktiv beeinflussen konnte. Überwiegend litt sie jedoch unter einer ausgeprägten «Negativsymptomatik», die sie an der Fortsetzung ihrer Ausbildung hinderte und sie auch in der Bewältigung ihres Alltags deutlich beeinträchtigte. Es war schwierig, mit ihr in Kontakt zu kommen, sie sprach wenig und nahm auch zu Mitpatienten kaum Kontakt auf. Man konnte beobachten, wie sie sehr verlangsamt in gleichförmigen Bewegungen, abwesend wirkend, oft mit geschlossenen Augen einer einfachen Tätigkeit im Arbeitstherapiebereich nachging. Manchmal sass sie unbeweglich, müde wirkend über lange Zeiträume hinweg einfach da.
Auch in anscheinend sehr hoffnungslosen Situationen erscheint gelegentlich ein liebes Wesen, das doch noch etwas Leben in unsere Todeslandschaft bringt.
Knut Ekwall (Swedish painter) 1843 – 1912
The Fisherman and the Siren

In der Institution geschah es wiederholt, dass insbesondere neue Mitarbeitende dazu tendierten, die schizophrenen Patienten für faul, unmotiviert oder widerständig zu halten. Josi Rom weist in seinem Buch «Identitätsgrenzen des Ich» auf diese Gefahr hin: «Solche Fehleinschätzungen haben Konsequenzen in unserem Fühlen dem Patienten gegenüber und können so auch therapeutische Erfolge gefährden. Wir entwickeln zum Beispiel Wut, wenn Patienten ‹nichts tun›, obschon wir uns bemühen und Angebote machen. Wir beharren auf Regeln, die uns wichtig erscheinen. Unsere Legitimation heißt dann, daß der Schizophrene doch Struktur braucht, um nicht zu zerfallen» (Rom 2007: 45).
In meiner Intervisionsgruppe, in der ja das Verstehen der Patienten eine wesentliche Rolle spielt, wurde ich während meiner Fallvorstellungen gefragt, woran denn erkennbar sei, dass der jeweilige Patient an einer Schizophrenie leide. Auch diese Frage gibt einen Hinweis darauf, wie entscheidend die Verbindung einer Beschreibung des von aussen Sichtbaren mit der Bedeutung, die eine solche Erkrankung für einen Menschen in seinem Erleben haben kann, ist.

Es dauert mitunter einige Zeit, bis eine Todeslandschaft zur Rekultivierung vorbereitet ist.
Die Primärsymptome der Schizophrenie
In ICD-10 und DSM-IV wird die Diagnose der Schizophrenie durch einen Kriterien-Katalog festgelegt (Möller et al. 2005: 149). Anhand einer vordergründigen Orientierung am Auftreten von Symptomen allein lässt sich ein ausreichendes Verständnis vom innerpsychischen Geschehen eines an Schizophrenie erkrankten Menschen jedoch nicht entwickeln. Eine gute Grundlage für ein psychodynamisches Verständnis von Schizophrenien bietet der psychopathologische Ansatz von Rom, der sich auf Benedetti bezieht. Gaetano Benedetti beschreibt in seinem Buch «Todeslandschaften der Seele» u. a. primäre Schizophreniesymptome, abgeleitet aus «einem intrapsychischen Geschehen, dessen Ursache ohne Umwelt nicht denkbar wäre, wobei eine besondere Verarbeitung dieser Umwelt in Zusammenhang mit der Person des Kranken steht» (Benedetti 2003: 16). Josi Rom vergleicht die Therapie mit einem an Schizophrenie erkrankten Menschen mit dem Weg durch eine Wüste, auf dem der Therapeut aufgrund seiner Wahrnehmung, seines Verständnisses und seiner Interpretation der jeweiligen Situation dem Patienten wie ein Kompass bei der Orientierung in dieser Umwelt helfen kann (vgl. Rom 2007: 27–28). Im Folgenden werde ich zeigen, in welcher Weise Roms modellhaftes Verstehen der Psychopathologie und der Psychodynamik der schizophrenen Psychosen dem Therapeuten eine Unterstützung sein kann, so dass es ihm möglich ist, diese Kompass-Funktion während der Therapie von Menschen mit schizophrener Psychose zu übernehmen.
Sowohl Benedetti als auch Rom argumentieren auf der Basis von Freuds topischen Theorien des psychischen Apparates. Beide nehmen Bezug auf die Systeme Unbewusst, Vorbewusst, Bewusst sowie auf die drei Instanzen Es, Ich, Über-Ich. Benedetti ist der Ansicht, «daß bei schizophrenen Auflösungsprozessen die drei psychischen ‹Provinzen› Es, Ich und Überich nicht in gleichem Umfang involviert werden» (Benedetti 2003: 81). Der Verlust der innerpsychischen Struktur vollziehe sich vorwiegend zu Lasten des Ich. Die Schizophrenie kann aus dieser Perspektive also als eine Ichkrankheit verstanden werden. Um zu veranschaulichen, welche Auswirkungen beispielsweise eine Schizophrenie auf das Ich haben kann, entwickelt Rom auf Basis der beiden o. g. topischen Theorien und insbesondere auf Basis des Drei-Instanzen-Modells von Freud das Ich-Struktur-Modell.

Sein Modell veranschaulicht Rom mit Hilfe obenstehender Abbildung (vgl. Rom 2007: 22). Es besteht aus Ich-Grenze, Persönlichkeitsstrukturen und Vernetzungen. Die Ich-Grenze ist dem Ich zugehörig und trennt es vom Nicht-Ich. Beim gesunden oder neurotisch organisierten Ich wird die Ich-Grenze als ein stabiler Kreis dargestellt, ist als bildlicher Ausdruck für Funktionen zu denken, u. a. leicht durchlässig, kompakt und leicht elastisch, also nur wenig flexibel. Der Gesunde ist sich seiner selbst bewusst, kann sich abgrenzen und verfügt über eine funktionierende Realitätskontrolle. Die Persönlichkeitsstrukturen innerhalb des Ich einer Person unterscheiden sich im Detail und in ihren Funktionen voneinander. Sie passen sich beim gesunden Menschen der Bewegung des Gesamt-Ich an, ohne sich grundlegend zu verändern. Vernetzungen der Persönlichkeitsstrukturen untereinander und mit der Ich-Grenze ermöglichen Austausch und Koordination, das Funktionieren des Gesamt-Ich als Ich nach innen und nach aussen. Erst damit ist der Zusammenhalt des Ich-Bewusstseins gewährleistet (vgl. Rom 2007: 21–26).
Rom bezieht die von Benedetti beschriebenen Primärsymptome Spaltung (Fragmentierung) 1, Autismus und Athymie auf sein Ich-Struktur-Modell und stellt die psychopathologischen Auswirkungen der Schizophrenie auf die Ich-Struktur zeichnerisch und damit bildlich vorstellbar dar. Nach Benedetti und Rom ist es dann sinnvoll von einer Schizophrenie zu sprechen, wenn sich die drei Primärsymptome bei der gleichen Person gleichzeitig oder in zeitlicher Nähe zeigen (vgl. Rom 2007: 27). In diesem psychoanalytischen Verständnis von Psychopathologie und Psychodynamik der Schizophrenien kann jede der je drei Erscheinungsformen der drei Primärsymptome auch als sekundäre, psychodynamische Folge der jeweils anderen Primärsymptome verstanden werden (vgl. Rom 2007: 48). Zur besseren Übersicht führe ich hier alle Primärsymptome mit ihren Erscheinungsformen tabellarisch auf:

Rom zieht bezüglich des schizophrenen Geschehens den Begriff Fragmentierung dem der Spaltung vor, weil Spaltung oft mit Borderline-Störungen assoziiert werde, aber nach Rom nur wenig mit Spaltungsvorgängen in einem solchen Kontext zu tun habe (vgl. Rom 2007: 28).
Die Fragmentierung ist als Prozess vorstellbar, in dem sich das Ich auflöst. Dazu kommt es nach Rom dadurch, dass, bezogen auf das Drei-Instanzen-Modell von Freud, Es und Überich getrennt voneinander agieren. Sie haben unkoordiniert die Macht übernommen, so dass der Innendruck im Ich ständig zunimmt. «Die Ich-Grenze erstarrt dabei, verdichtet sich und wird spröde. Es ist der langfristig hoffnungslose Versuch, dem steigenden Innendruck etwas entgegenzusetzen, damit es nicht zur Fragmentation der Ich-Grenze und als Folge zum Verlust der Innenstrukturen und der Vernetzung des Gesamt-Ich, also zum schizophrenen Ich-Verlust oder zur Negativ-Existenz (…) kommt» (Rom 2007: 29). Demnach bewegen sich viele schizophrene Menschen auf einem Grad zwischen Stabilität und Ich-Verlust.

Gespaltene Identitätsbildung wird neben Kohärenzverlust und Ich-Entgrenzung als eine Erscheinungsform der Fragmentierung genannt. Das Ich ist in Roms Ich-Struktur-Modell segmentiert dargestellt. Rom beschreibt, dass die einzelnen dissoziierten Ich-Segmente weder gleichzeitig bewusst noch gleichzeitig emotional besetzt sind. Dies führt zwangsläufig zur Verkennung: Einzelne Ich-Segmente werden als Aspekte der Aussenwelt erlebt. In diesem Zusammenhang bezieht sich Rom auf Benedetti, der das Erleben der Fragmentierung anschaulich als ein Gefühl des schizophrenen Menschen beschreibt, in seinem Innern würden ver-schiedene Personen über ihn verhandeln. Dieses Gefühl werde mit der Gewissheit erlebt, diesen Teilpersonen völlig ausgeliefert zu sein, da ihnen kein Selbst gegen-übergestellt werden könne (vgl. Rom 2007: 30). Der Kohärenzverlust wird nach Rom als Instabilität in der Vernetzung der Persönlichkeitsstrukturen untereinander beschrieben, die sich fragmentierend auf die Wahrnehmung und dadurch auch destabilisierend auf Selbst- und Fremdbild auswirkt (vgl. Rom 2007: 33). Laut Benedetti kann sich das als körperliches Gefühl einer inneren Unordnung zeigen. Der schizophrene Mensch erlebt seine Körperorgane als an andere Orte verschoben. In seinem Körper entstehen Löcher und Hügel oder eine andere Geschlechtszugehörigkeit, was sich bis zur Empfindung von körperlichem Zerfall steigern kann (Benedetti 2003: 18). So berichtete die Kunsttherapeutin unserer Institution gelegentlich sehr eindrücklich, auf welche Weise manche Patienten Figuren oder Köpfe plastizierten. Einzelne schizophrene Patienten modellierten bestimmte Körperteile an ungewöhnliche Stellen. Wenn die Kunsttherapeutin dies korrigierte, kam es wiederholt vor, dass das vorher korrigierte Körperteil beim nächsten Versuch vom Patienten an genau derselben «falschen» Stelle angebracht wurde. Beispielsweise wurden Augen auf die Stirn modelliert, was sich auch nach mehrfachen Hinweisen und Korrekturen der Kunsttherapeutin nicht verändern liess. Durch die Ich-Entgrenzung fallen nach Benedetti (vgl. 2002: 18) die Funktionen der Selbstabgrenzung und Objektbeziehung aus. Rom stellt dies in seinem Ich-Struktur-Modell in Form einer gestrichelten Linie als deformierte, durchlässige Ich-Grenze dar. Eine durchgehende, ungespaltene Ich-Grenze nach aussen fehlt. Das hat Auswirkungen auf das Gefühlsleben: Das Ich wird als von aussen einsehbar erlebt, so als sei der Zugriff von aussen stellenweise für andere freigegeben. Auch in die Gegenrichtung besteht das Gefühl, andere können das Ich mit beliebigen Inhalten von aussen durch die offenen Stellen anreichern. Rom übernimmt Benedettis Vorstellung, das Ich fliesse durch die fragmentierte Ich-Grenze aus und löse sich verschmelzend im Universum auf. So kann es sein, dass ein schizophrener Mensch gleichzeitig alles (Superexistenz) und nichts (Negativ-existenz) ist (vgl. Rom 2007: 34–37). «Durch die passive Verschmelzung mit der Welt und dem Besetztwerden durch andere rettet sich das Ich vor dem völligen Verlust. Fragmentiert, autistisch abgekapselt und fremdbesetzt zu sein, ist besser als nicht zu sein. Autismus ist hier sowohl als aktive Abwehr als auch passives Primärsymptom zu verstehen» (Rom 2007: 35).
Unsere Selbstanteile schwimmen fragmentiert und verloren in einer kalten, stürmischen Welt. Wird es uns gelingen, uns wieder zu vernetzen und zu unserem Glück zu finden?
Joaquín Sorolla y Bastida (Spanish painter) 1863 – 1923
The Nereids, 1886

Nach Rom ist es leicht nachvollziehbar, dass es schwerste innere Desorientierung und Desorientierung in der Welt nach sich zieht, wenn ein Mensch gleichzeitig unter allen drei oben beschriebenen Formen der Fragmentierung leidet. Es ist gut vorstellbar, dass derjenige, der das erlebt, grosse Schwierigkeiten hat, sich zeitlich, örtlich und autopsychisch zu orientieren. Einfache Entscheidungsfragen können dann, wenn überhaupt, ambivalent bearbeitet werden. Und gerade diese Ambivalenz führt in eine Gefangenschaft, denn Entscheidungsfragen lassen sich nicht auflösen. Zur Auflösung wäre eine Entscheidung nötig, die ein schizophrener Mensch in einem solchen Zustand nicht treffen kann. Der Widerspruch wird festgehalten, und deshalb wird der Widerspruch zum Teil der eigenen Existenz. Es gibt also einen wesentlichen Unterschied zwischen der schizophrenen Ambivalenz und der gesunden oder neurotischen Ambivalenz. Wir sind ambivalent, weil wir uns nicht entscheiden können. Wenn sich ein Neurotiker entscheiden will, dann wägt er ab und sucht nach rationalen und gefühlsmässigen Kriterien. Eine Gewichtung der Argumente in einem breiten Kontext ist möglich. Die Frage nach der Wahl zwischen zwei verschiedenen Brotsorten kann durch eine mehr oder weniger eindeutige Entscheidung wieder aus dem Zentrum des Denkens eines neurotischen Menschen rücken. Einen schizophrenen Menschen besetzt die Frage vollständig. Die Argumente stehen sich gleichwertig gegenüber. Aufgrund der Athymie verfügt ein schizophrener Mensch nicht über die nötige Energie, um sich zu entscheiden. Die Folge ist Erschöpfung oder im schlimmsten Fall Katatonie. Als Lösungsmöglichkeiten stehen dem Schizophrenen autistisches Verschwinden aus der Beziehung, wahnhaftes Einbauen der Fragestellung und Entweichen durch einen Raptus zur Verfügung. Eine mögliche Abwehr des Schizophrenen ist die Rettung in ein eigenes Wahnsystem mit eigenen Gesetzen. Es können viele Jahre vergehen, bis ein einigermassen stabil-labiles Wahnsystem aufgebaut ist. Für den schizophrenen Menschen ist es ein Lebenswerk. Nach Rom darf Therapie keinesfalls darin bestehen, dieses Lebenswerk zu zerstören (vgl. Rom 2007: 35–37).

Der Autismus kann als Abkapselungsprozess des Ich verstanden werden. Er ist sowohl Primärsymptom als auch Abwehr und ist psychodynamisch eng mit der Fragmentierung verknüpft. Verglichen mit dem ursprünglichen Ich-Struktur-Modell kann man sich die Ich-Grenze im autistischen Zustand nach aussen sehr viel dichter und weniger durchlässig vorstellen. Das Ich funktioniert noch abgeschotteter von Es und Über-Ich. Auch innen sind die Grenzen verdickt. Die Persönlichkeitsbereiche sind eigenständig und neu vernetzt.
Eine Eigenweltlichkeit entsteht, die von aussen betrachtet sonderbar wirkt. Der Schizophrene spricht mit sich oder mit jemandem, der für andere nicht wahrnehmbar ist, sagt Unverständliches oder hat einen merkwürdigen Ausdruck in den Augen (Rom 2007: 38–39). So begegnete man auf dem Gelände unserer Einrichtung immer wieder Menschen, die irgendwo sassen, in der Gegend umherblickten, so als würden sie etwas mit den Augen fixieren und verfolgen, das für andere nicht sichtbar war. Manche sprachen vor sich hin oder antworteten auf Fragen, die für andere nicht hörbar gestellt waren. Die Ausdrucksunfähigkeit begründet Benedetti (2003: 25) damit, dass viele Erlebnisse des Schizophrenen in dessen eigener Welt entstehen und oft ausserhalb von Sprache und Verständigung liegen. Dies mache es schwer, solche Erlebnisse für andere verständlich zu formulieren. Benedetti weist auch darauf hin, dass in der Psychopathologie ein zu hohes Gewicht auf die autistische Zurückgezogenheit gelegt werde. Der Kranke ringe jedoch darum, das nicht Sagbare ausdrücken zu können. Rom (2007: 40–41) sieht gerade die Ausdrucksunfähigkeit als eine therapeutische Herausforderung. Er weist auf die Gefahr hin, dass der Schizophrene im Autismus untergehe, wenn der Therapeut diese Herausforderung nicht annehme. Wichtig sei dabei, dass der Therapeut seine Grenze des Verstehens benenne. Es brauche viel Geduld, Zeit und ständiges, interessiertes und nichtbedrängendes Nachfragen, möglicherweise über viele Jahre hinweg. Die Selbst- und Fremdverborgenheit erklärt Rom damit, dass Worte und Bilder im Erleben des Kranken ständig zerfallen, so dass er sich selbst immer fremder wird. Schliesslich greifen seine psychotischen Mechanismen nicht mehr. Er ist verwirrt, sich selbst unweigerlich verborgen und somit auch für andere (vgl. Rom 2007: 42).

Unsere Eigenweltlichkeit mag von außen sonderbar wirken. Wir finden gelegentlich schöne Seiten an ihr. Zumindest setzen wir unsere ganze Hoffnung darin, dass es irgendwann für uns damit auch schön wird.
Donato Giancola (American artist) 1967 –
Shaman’s Loss, 2009
Shaman’s Loss is an award winning painting, receiving a Silver Medal from the prestigious annual Spectrum: the Best in Contemorary Fantastic Art and a finalist in the Figurative category at the Art Renewal Center’s 2010 Salon.
Die Athymie versteht Rom im Sinne von Huber (1961) am ehesten als Verlust des energetischen Potentials. Auch sie kann einerseits als Primärsymptom, andererseits als psychodynamische Folge von Fragmentierung oder Autismus verstanden werden.
Die Passivierung stellt sich nach Benedetti (2003: 28) im von aussen sichtbaren Verhalten des Patienten dar. Insbesondere in den Frühphasen der Psychose zieht er sich zurück und tut scheinbar überhaupt nichts mehr. Dies steht in starkem Kontrast zu dem, was der Patient selbst erlebt, nämlich einer hohen Aktivität, die er dazu aufwenden muss, er selbst zu bleiben. Diese Aktivität wird durch Passivität verdeckt, so dass sie von aussen kaum wahrnehmbar ist. Wenn wir uns tief auf unsere Gegenübertragungsgefühle einlassen und sie reflektieren, dann können sie nach Rom (2007: 44) ein Zugang zu der verdeckten Aktivität des Patienten sein. Laut Rom benötigt der Patient in der Passivität der Athymie «unser Mitgefühl und unser passives Dabeisein im Sinne der Entlastung, damit er im dualen Raum der Therapie loslassen kann und sich für das gegenwärtige Geschehen in seinem Erleben nicht mehr allein verantwortlich fühlen muss» (Rom 2007: 46). Devitalisierung beschreibt ein Stillstehen der Zeit im Erleben des Patienten, das wir in der Gegenübertragung als etwas Zeitloses, Unendliches, das der Patient ausstrahlt, wahrnehmen können (vgl. Rom 2007: 46). In der Institution, in der ich arbeitete, lebten einige Patienten, die das Gefühl bei mir auslösten, sie lebten schon ewig dort – ein Gefühl von Unendlichkeit oder gar Zeitlosigkeit. Negativismus bezeichnet nach Benedetti (2003: 30) «den Widerstand des Kranken gegen alle Zuwendung seiner Mitmenschen und die Umkehrung ihrer Aufforderungen in ein gegenteiliges Verhalten.» Das negative Seinsgefühl und die Destruktivität des schizophrenen Menschen drücken sich im Negativismus auf der Handlungsebene aus. Eine affektive Grundlage fehlt sowohl für den Kontakt zu einem anderen Menschen als auch zum Treffen einer Entscheidung (vgl. Benedetti 2003: 30). Zum Negativismus als sekundäre, psychodynamische Folge der anderen Primärsymptome führt Rom aus, dass sowohl Fragmentierung (Auflösung des Ich) als auch Autismus (Abkapselung des Ich) von der Möglichkeit, mit einem anderen Menschen zu kommunizieren, wegführen. Das Ich verliert sich letztendlich, «entweder in der Auflösung im Nichts (Negativexistenz) respektive der Fusion mit der Welt (Superexistenz) oder in der Verdichtung im Eigenen, Eigenweltlichen mit der Folge der Selbst- aber auch Fremdverborgenheit» (Rom 2007: 47–48). Im Negativismus finde der Schizophrene einen Weg, sich dialogisch abzugrenzen. Er beweise sich seine Existenz, indem er sich der Zuwendung seines Mitmenschen entgegenstelle. Das Entgegenstellen als Beweis der eigenen Existenz sei so entscheidend, dass der schizophrene Mensch dafür sogar bereit sei, auf eben diese Zuwendung seines Gegenübers zu verzichten. Würde er die Zuwendung annehmen, würde sich der Schizophrene durch Fusion mit dem Anbieter der Zuwendung verlieren, was eine Weiterführung der Fragmentation bedeuten würde. Durch diesen enormen Verzicht wird deutlich, mit welcher Verzweiflung der Schizophrene versucht, sich zu retten. Rom beschreibt den Negativismus als verzweifelte Leistung der Selbstrettung, als Antwort auf den Ich-Verlust (Rom 2007: 47–48).

Todeslandschaften der Seele heißt nicht Todeslandschaften des Körpers
