„Bedeutung nehmen“ und „Sinn geben“
Über die Ursprünge psychischer Krankheit
Theoretische Ansätze aus der Säuglingspsychiatrie Daniel Sterns
zum Verständnis der Psychotherapie der Schizophrenie
Lernt Sprachen. Auch die nicht vorhandenen.
Stanislaw Jerzy Lec
Ich gehe davon aus, dass Sie alle, die hier versammelt sind, sich
mehr als einmal mit der Frage des Ursprungs psychischer Krankheit befasst haben. Ja, weltweit haben Menschen sich unzählige Male gefragt, was psychische Krankheit verursacht. Dabei ist die Suche nach den Ursachen psychischen Leidens ebenso wichtig gewesen wie das Bemühen um die Entstehungsgeschichte psychischer Gesundheit, u.a. weil beide, psychische Gesundheit und Krankheit individuell, kollektiv und gesellschaftlich eine zentrale Rolle im menschlichen Leben spielen.
Es scheint mir heute in unserem Kreis unnötig, unseren momentanen
Wissensstand über mythologische, religiöse und philosophische Erklärungsversuche psychischer Krankheit wiederzugeben, diese Versuche zu beschreiben, zu analysieren und zu beurteilen. Sie wissen z.B. so gut wie ich, dass Menschen in der Antike nicht nur somatische, sondern auch psychische Krankheiten für ansteckend hielten, dass sie Maßnahmen ergriffen, die psychisch Leidenden zu isolieren, um die Gemeinschaft vor Ansteckung zu schützen.
Auch nehme ich an, dass Sie mit den modernen gängigen wissenschaftlichen Erklärungen der Ursprünge psychischer Krankheit vertraut sind. Dasselbe gilt für die postmodernen Thesen über die Sinnlosigkeit eines Suchens nach sogenannten Ursprüngen oder Ursachen.

Wir wissen, dass die Suche sinnlos ist. – Entre el mar y el viento. Soledad Fernández, contemporanea nacida en Madrid en 1949
Also, warum dann überhaupt über dieses Thema sprechen? Eine der
möglichen Antworten auf diese Frage liegt für in der Psychiatrie und
Psychotherapie Tätige nahe. Die Patientinnen und Patienten selbst und öfters auch ihre Angehörigen und intimen Bezugspersonen wollen sehr häufig wissen, woher die psychische Krankheit kommt. Dasselbe gilt für Arbeitgeber, Arbeitsämter, Krankenkassen und Invalidenversicherungen. Immer wieder sehen sich Vertreterinnen und Vertreter der Justiz genötigt, nach den Ursprüngen psychischer Krankheit zu fragen. Im Militär, wenn es darum geht, einen Menschen dienstuntauglich zu schreiben, heißt es z.B. zu klären, ob die Ursprünge einer psychischen Störung konstitutioneller und/oder neurologischer Art sind. Viele Instanzen versprechen sich mit der Angabe des Grundes für eine psychische Krankheit vor allem Informationen darüber, ob eine Besserung oder Heilung in Aussicht gestellt werden kann.
Immer wieder konstellieren sich Situationen, in denen wir etwas
Verständliches über die Ursprünge einer psychischen Krankheit sagen sollten, aber dazu nicht in der Lage sind, weil wir schlicht und einfach nicht über die Kenntnisse verfugen. Und doch wird eine Antwort erwartet, unter Umständen gefordert. Verhaltensrezepte kenne ich hier keine. Ich persönlich bin froh, dass ich kaum in die Lage komme, meine Ansicht über die Ursprünge der psychischen Krankheiten, die ich psychotherapeutisch behandle, mitteilen zu müssen.

Ich persönlich bin froh, meine Ansichten nicht mitteilen zu müssen.
Nun, im Titel meines Vortrags ist von „Bedeutung nehmen“ und
„Sinn geben“ die Rede. Für Leute in den Humanwissenschaften, die mit der kulturhistorischen Schule vertraut sind, einer Forschergruppe, die sich aus eigener Initiative im Laufe der zwanziger Jahre in der Sowjetunion bildete und in den dreißiger Jahren vom Staat heftig kritisiert wurde, mag die Überlegung, die zur Formulierung des Vortragstitels führte, zu erraten sein. „Bedeutung“ hier weist daraufhin, dass wir in einer gedeuteten Welt leben. Egal wo Menschen leben, bedienen sie sich einer Sprache, die u.a. als Resultat wertender Tätigkeit zu verstehen ist. Der Inhalt der sprachlichen Bedeutungen ist orts- und zeitbedingt, meist von der jeweiligen Kultur abhängig, in gewissen Fällen vermutlich universell. Welche
Bedeutung jeweils gesellschaftlich, kollektiv und individuell vorherrscht, hängt wiederum von zahllosen Faktoren ab, die mit unterschiedlichen Formen von Machtverhältnissen verbunden sind. Es sei hier an eine Stellein Lewis Carrolls „Alice im Spiegelland“ erinnert, die lautet:
„Wenn ich ein Wort verwende“, sagte Hampti Dampti betont
herablassend, „dann hat es zu bedeuten, was ich will ~ nicht
mehr und nicht weniger.“
„Die Frage ist nur“, sagte Alice, „ob die Wörter das bedeuten
wollen, was Sie wollen?“
„Die Frage ist nur“, sagte Hampti Dampti, „wer bestimmt ~
und das ist der, der oben sitzt! „

Alice und Humpty Dumpty
Die Bedeutungen werden uns zunächst in der Kindheit von aussen
vermittelt, von den jeweils pflegenden Personen. Wie die Bedeutungen
übernommen werden, darüber sind wir alle weitgehend im Bild. Die psy
chischen Tätigkeiten, die mit der individuellen Aufnahme von Bedeutun
gen zu tun haben, sind als „einverleiben“, „nachahmen“, „sich identifizie
ren“, „verinnerlichen“, „interiorisieren“, „introjizieren“ etc. beschrieben
worden. Ja, auf diese Art und Weise wird der Mensch ein Mensch, „an
gefüllt“ mit den Bedeutungen, die in seiner Ecke der Welt zirkulieren.
Das Individuum ist allerdings nicht bloss Empfänger und Vermittler
von ihm anerbotenen bzw. auferzwungenen Bedeutungen. Für Lew Wygotski, den Organisator und führenden Kopf in der kulturhistorischen
Schule, war es eminent wichtig, diesen Punkt zu unterstreichen, auch
wenn das hiess, mit Nikolai Bucharin, dem Chefideologen der sowjeti
schen kommunistischen Partei in den zwanziger Jahren nicht einverstan
den zu sein. Bucharin hatte in seinem Lehrbuch des historischen Materia
lismus geschrieben: „Wenn wir die einmalige Persönlichkeit in ihrer Ent
wicklung betrachten, stellen wir fest, dass diese im wesentlichen wie die
Haut einer kleinen Wurst ist, die mit den Einflüssen der Umgebung voll
