Glücklich machen „Erfahrungen, die früher selbstverständlich waren und es heute nicht mehr sind“
Ein Harvard-Professor schlägt Alarm: Studenten leiden heute viel stärker unter Depressionen als zuvor. Den Grund für die „psychogene Epidemie“ sieht er in einer Abwärtsspirale. Warum uns nur die rechte Hirnhälfte daraus befreien kann.
Zehn Jahre hatte der amerikanische Harvard-Professor Arthur C. Brooks seiner Uni den Rücken gekehrt, um für einen Think Tank zu arbeiten. Als der Wirtschaftswissenschaftler nun an die Harvard-Universität zurückkehrte, konnte er nicht fassen, was er dort erlebte: „Depressionen, Angst, Einsamkeit, Furcht und Wut“. Brooks erkannte seinen eigenen Campus nicht mehr wieder: Die Atmosphäre hatte sich „verdunkelt“, ihm wurde „unheimlich“ angesichts der wachsenden Zahl an Studenten, die unter Depression und Angstzuständen litten.

Robert Zünd – Cornfield with Oaks
„Meine Sprechstunden glichen eher Beratungsgesprächen als Nachhilfe. Hoffnung und Optimismus schienen durch Wut und Traurigkeit ersetzt worden zu sein. Und Angst: Die Studierenden fürchteten die Konfrontation mit Ideen, die sie als anstößig empfanden und die ihnen emotional unsicher erschienen, und die Lehrenden hatten große Angst, etwas zu thematisieren, das die Studierenden verletzen könnte.“
Brooks, der als eher konservativ gilt und als Autor durch Bestseller wie „Build the Life You Want“ (zusammen mit Oprah Winfrey), „From Strength to Strength“ und „Love Your Enemies“ bekannt wurde, widmet sich in seinem neuen, gerade auf Englisch erschienenen Buch „The Meaning of Your Life“ (Vermilion, 304 Seiten, 27,04 Euro) dem zunehmenden Gefühl von Leere: Warum sind junge Menschen heute so unglücklich?
Laut American Psychological Association hat sich die Zahl der amerikanischen Jugendlichen mit Symptomen einer ernsten Depression von 2005 bis 2019 fast verdreifacht, während sich die von Angstzuständen nahezu verdoppelt hat. Doppelt so viele amerikanische Erwachsene aller Altersgruppen waren im Jahr 2023 „nicht so glücklich“ mit ihrem Leben wie im Jahr 2000. Dabei leiden laut Brooks erstens Frauen stärker als Männer und zweitens irritierenderweise „diejenigen, denen es eigentlich am besten gehen sollte – die fleißigen Leistungsträger an Orten wie meiner Universität.“

Robert Zünd – The Harvest
Woran liegt das? Sind die Boomer schuld, die der Jugend falsche Versprechungen vom Aufstieg durch Leistung gemacht haben, und sie dann in eine Realität aus unbezahlbaren Mieten, kaputten Krankenkassen- und Rentensystemen sowie irreparablen Umweltschäden katapultieren? Oder sind umgekehrt die jungen Leute selbst für ihr Unglück verantwortlich, insofern sie Narzissmus, Verhätschelung und Anspruchsdenken kultivieren? Beide prominenten Erzählungen würden zu kurz greifen, meint Brooks. Die alte Leier von den sich seit jeher bekriegenden Generationen tauge nicht zur Erklärung der aktuellen „psychogenen Epidemie“, die „real und beispiellos“ sei.
Wie lässt sich die Krise also dann erklären? Liegt sie in der relativ neuen Angewohnheit begründet, ständig aufs Smartphone zu starren, die der an der New York University lehrende Psychologe Jonathan Haidt für den Anstieg von Depressionen und Angst unter jungen Leuten verantwortlich macht? Tatsächlich nimmt Brook Haidts wissenschaftlich fundierte Diagnose zum Ausgangspunkt seiner Überlegung, die da lautet: Was ist es, was die Menschen in ihrem echten Leben vermissen, das sie dann irrtümlicherweise in ihren Smartphones zu finden hoffen?
In seinen Umfragen stößt Brooks immer wieder auf das Problem, dass sich äußerlich erfolgreiche Personen innerlich leer fühlen, wie in einer Simulation: „Das Leben wirkte irreal: geprägt von Scheinbelohnungen, hohlen Erfolgen, Selbsthilfe-Gerede und künstlichen Erlebnissen – sorgfältig arrangiert, um die Zeit möglichst schmerzfrei herumzubringen.“ Was all den jungen Leuten, mit denen Brooks sprach, fehlte, war das Sinngefühl. „Immer wieder sagten Leute, dass ihr Leben ereignisreich, aber nicht erfüllend sei.“

Peter Paul Rubens – The massacre of the innocents – 1611/12 – Art Gallery of Toronto
Es fehlt an Sinn und Bedeutung
Wenn man von der Formel „Glück = Freude + Zufriedenheit + Sinnhaftigkeit“ ausgehe, fehlt laut Brook der heutigen Jugend vor allem eines: die Sinnhaftigkeit („meaning“). „Bedeutung ist das Element des Glücks, das heute in der Krise steckt.“ Weder für einen Rückgang von Freude („enjoyment“) noch von Zufriedenheit („satisfaction“) gebe es Hinweise. Aber laut Studien mangele es vielen Teenagern an Bedeutung. Und ausgerechnet diese könne nicht simuliert werden.
Worin also besteht der Sinn, der so vielen jungen Leuten heute abhanden gekommen ist? Brooks verweist auf ein Modell, das Sinn als Summe aus Kohärenz, Zweck und Bedeutsamkeit begreift. Erstens: Passen die Elemente meines Lebens zusammen, geschehen die Dinge aus einem bestimmten Grund? Zweitens: Hat mein Leben Ziele und eine Richtung, lebe ich, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen? Und drittens: Hat mein Leben einen inhärenten Wert für mich selbst und für andere?
Besonders gut gebildete junge Leute würden heute überwiegend mit der linken Gehirnhälfte denken, die für lösbare komplizierte Probleme zuständig sei. Die für Komplexität statt Kompliziertheit verantwortliche rechte Gehirnhälfte, die die großen Geheimnisse und Wunder des Lebens wahrnimmt, verkümmere unter diesem auf technische, klar abgrenzbare Probleme fokussierten Lösungsansatz zusehends. „Internet-Sucht ist ein Sinn-Killer“, bringt Brooks das Problem auf den Punkt. Komplexes, mit der rechten Hirnhälfte erfahrbares Wissen müsse in Echtzeit gelebt werden und könne von Computern weder gespeichert noch entdeckt werden.

Love Dies in Time, 1878 by Édouard Debat-Ponsan
„Diese Asymmetrie erklärt, warum wir mit genialen Lösungen für uralte Probleme bombardiert werden, aber scheinbar keinen Fortschritt in Richtung größeren Glücks machen. Tatsächlich ist es umgekehrt: Wir verlieren unser Gefühl für den Sinn des Lebens immer schneller“, konstatiert der Forscher. Und: „Die Bedeutungs-Abwärtsspirale ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Aus Langeweile und Leere wenden sich Menschen süchtig machenden Technologien zu, was wiederum dazu führt, dass sie sich noch weniger mit den tieferen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Das verschärft die Sinnkrise – ebenso wie die darauf entstehenden Gefühle von Traurigkeit und Angst.“
Menschen mit einem sinnerfüllten Leben seien also nicht, wie oft irrtümlicherweise angenommen, zu beschäftigt mit dem Kinderhüten, Getreideernten oder Hausbauen, um Zeit fürs Pflegen ihrer inneren Krisen zu haben, sondern sie widmen im Gegenteil einen Großteil ihrer Freizeit den philosophischen, unbeantwortbaren Fragen. Neben dem Philosophieren nennt Brooks als weitere Elemente eines bedeutungsvollen Lebens die romantische Liebe, die sogar dann Sinn stifte, wenn sie unerwidert und erfolglos sei. Außerdem: Transzendenz, die oft mit spirituellem Glauben sowie der Abkehr vom Ich und der Hinwendung zu anderen einhergehe, sowie Schönheit, die tief bewege und berühre, etwa durch ein Lied, eine Landschaft oder eine moralische Tat, sowie schließlich auch das Leiden, aus dem man lernen und an dem man wachsen könne.
Kurz gesagt: Glücklich machen „Lebenserfahrungen, die früher selbstverständlich waren und es heute nicht mehr sind: Fragen zu stellen, die man nicht googeln kann; sich zu verlieben; das Göttliche zu suchen; ein Gefühl der Berufung zu entwickeln; sich in Schönheit zu vertiefen; und das unvermeidliche Leiden anzunehmen.“ Wer diese Dinge tue, verweile lange genug in der rechten Gehirnhälfte, um den eigenen Lebenssinn zu finden. Man produziere Sinn also nicht, wie es zahlreiche Selbstoptimierungs-Coaches glauben machen wollen, sondern man stoße auf ihn.

Die Versuche Roms, Germania magna zu erobern, endeten mit dem Triumph des Germanicus 17 n. Chr. Dabei wurde die gefangene Thusnelda, Gattin des Varus-Besiegers Arminius, vorgeführt
Wie man Liebeskummer überwindet
Brooks’ Buch, eine Mischung aus wissenschaftlicher Studie, kulturpessimistischer Warnung und pragmatischer Handreichung, bietet mehr konkrete Hinweise für die Praxis als so mancher Ratgeber. Etwa zum Thema Liebe: Statt in der häufig beschworenen „Sex-Rezession“ sieht Brooks das größere Problem in der „Liebes-Depression“. Zur Überwindung von Liebeskummer schlägt er vor, man solle sich erstens die negativen Seiten des Expartners vor Augen führen, zweitens Spaß haben und bewusst an Schönes, etwa ein Lieblingsgericht, denken, sowie drittens traurige Liebeslieder hören, die uns zeigen, dass wir nicht allein sind mit unserer Erfahrung. Wer mit offenem Herzen durch die Welt gehe, setze sich dem Risiko aus, verletzt zu werden. Doch genau in dieser unvermeidbaren Verletzung liege die Chance, zu wachsen, was schließlich zum Erfolg in der Liebe und Sinn im Leben führe.
Unter Brooks’ Alltags-Tipps finden sich so banale wie geniale Ideen wie das Führen eines Sorgentagebuchs, in das man seine Ängste notieren solle, um dann Wochen später darunter zu vermerken, ob sie sich bewahrheitet haben, und dann Wochen später noch einmal, was man daraus gelernt habe. Außerdem: Anderen zu helfen sei genauso wichtig wie Hilfe anzunehmen oder um Hilfe zu bitten. Wenn ein Kollege anbietet, einen Kaffee vom Kiosk mitzubringen, solle man ja sagen, selbst wenn man keinen Kaffee mag. Denn oft profitiere der Helfer mehr von einer Aktion als der, dem geholfen wird, was Brooks mit der Anekdote von Marc illustriert, der sich endlich wieder gebraucht gefühlt habe, als eine Frau ihn auf einem ersten Date fragte, ob er ihr verstopftes Müllsystem reparieren könne.

Paul Fischer (Danish painter) 1860 – 1934
Street Scene from Saint Clemens Torv (Square) in Aarhus
Wenn man etwas „nicht fühle“, sei es eine Ehe oder Gott, dann solle man sich rational entscheiden, so zu handeln, als fühle man es, denn dann werde sich das echte Gefühl von ganz allein einstellen. Da Menschen von Natur aus Ziel-orientierte Wesen seien, empfiehlt Brooks weiterhin, sich auch für die Freizeit Ziele zu setzen, die die Motivation aufrechterhalten, etwa eine bestimmte Anzahl an Büchern pro Jahr zu lesen oder eine Sprache bis zu einem bestimmten Urlaub zu lernen.
I’ve got a bike, you can ride it if you like
It’s got a basket, a bell that rings
And things to make it look good
I’d give it to you if I could, but I borrowed it
You’re the kind of girl that fits in with my world
I’ll give you anything, everything if you want things
Am Ende fordert Brooks weder einen Totalverzicht auf Smartphones noch die technikfreie Rückkehr zur Natur, sondern das Leben in einigen, wenn auch nicht allen Bereichen, mit sinnvollen Erfahrungen aufzuladen. Dass er diese Erfahrungen wiederum mit im Buch enthaltenen Fragebögen und Zahlensystemen messen will, mag man als ironischen Höhepunkt der technischen Selbstoptimierung oder aber als um Objektivität bemühten Ausweg aus der Misere begreifen.
