Die folgenden acht diagnostischen Feststellungen deuten das Profil emotionaler Gesundheit an:
1. Psychisch gesunde Menschen sind frei von selbstzerstörerischen Verhaltensmustern. Sie behandeln ihren Körper und ihren Geist mit Achtung, weil sie sich selbst achten. Sie sind keine Opfer von Rauschgiften, Alkohol, zuviel Essen, nächtlichen Gelagen und anderen schädlichen Gewohnheiten. Zur höchsten Freude (nicht zum Schmerz) motiviert, tun sie das, was für sie das Beste ist – es sei denn, es brächte anderen Schaden. Sie isolieren sich selbst nicht unnötig. Anders als Saul Bellows Herzog begnügen sie sich nicht mit Konserven, wenn sie Steak essen können. Sie sind in der Lage, ihre Sinnlichkeit und Sexualität voll und ohne Scham zu genießen. Auf jedem Gebiet des Lebens bewahrt sich der psychisch Gesunde das Maximum an Wahlmöglichkeiten. Er benutzt Einsicht und Gefühle, um seine Aktivitäten zu steuern. Er entfremdet sich nicht von seinesgleichen, solange er nicht einen zielorientierten, realen Grund hat, es zu tun.

Es gibt einiges zu beachten, wenn man psychisch gesund durch diese Welt kommen will. – Max Beckmann (German, 1884 – 1950)
Variété , 1927, Houser & Wirth, Basel.
This unsettling artwork is depicting a chaotic cabaret scene – what does it mean, and did it foreshadow the rise of Nazism? A cabaret performance is turned on its head. A man in a red military overcoat lies on the floor. Another walks a slack tightrope over his supine body and nearby a figure stands with their face covered in a blue cloth, while a seemingly uninterested man on a stool faces away from the spectacle. A large dog-like creature watches in the background. Considering this scene was painted during the Weimar period, it arguably foreshadows the bleakness soon to come.
2. Psychisch gesunde Menschen sind in der Lage, emotional offen zu sein, wenn sie es wollen. Ein emotional gesunder Mensch ist für die Gefühle anderer und für seine eigenen „Bauchgefühle“ eingeschaltet. Seine Gefühle sind unmittelbar mit seinen Wahrnehmungen verknüpft. Seine Worte und Handlungen setzen sich nicht rücksichtslos über die Gefühle anderer hinweg. Weil er ständig Zugang zu seinen eigenen Emotionen hat, kann er weniger starr, spontaner und produktiver sein als diejenigen, die emotional gehemmt sind. Doch er ist nicht gezwungen, dauernd offen zu sein. In gewissen Situationen, etwa, wenn jemand versucht ihn zu manipulieren oder zu übervorteilen, oder wenn Offenheit ihn unnötigen Verletzungen aussetzen würde, kann ein gesunder Mensch auch emotional verschlossen bleiben.

Psychisch gesunde Menschen spüren sich und andere, sie spüren ihre Sinne und sie haben Freude an Sinnlichkeit- – Antonino Leto (Italian painter) 1844 – 1913 Stabilimento di Bagna a La Spezia, 1876
3. Psychisch gesunde Menschen sind emotional erwachsen. Sie sind sich bewusst, dass ihr Kuchen, wenn sie ihn gegessen haben, weg ist. Sie stellen die Freude über den Schmerz. Aber sie wissen, dass mit der Freiheit die Verantwortung kommt und dass sie -nicht Mutter oder Vater – für ihr Leben verantwortlich sind. Ein gesunder Mensch ordnet die Dinge so, dass er im allgemeinen in jeder Situation eine Menge von Wahlmöglichkeiten hat. Er weiß, dass er verantwortlich dafür ist, wie er wählt, und dass er den Preis für seine Entscheidungen zahlen muss.

Ein psychisch gesunder Mensch weiß, dass er verantwortlich dafür ist, wie er wählt, und dass er den Preis für seine Entscheidungen zahlen muss.Phyllis and Aristotle, 2020 Carl Dobsky Oil on Panel

Psychisch gesunde Menschen sind sich bewusst, dass ihr Kuchen, wenn sie ihn gegessen haben, weg ist und sie wissen, dass mit der Freiheit die Verantwortung kommt. – Firmin Baes (Belgian painter) 1874 – 1943
Le faucheur (The Reaper),
4. Psychisch gesunde Menschen sind imstande, enge und sinnvolle Beziehungen mit anderen aufzunehmen und zu unterhalten. Sie können Beziehungen auch beenden, wenn sich herausstellt, dass der Preis dafür zu hoch ist. Gesunde Menschen bleiben nicht isoliert. Sie kommen in Kontakt mit anderen. Wenn der Beruf ein psychisch gesunden Menschen in eine neue Gemeinschaft führt, ist er imstande, andere anzusprechen und neue Beziehungen mit ihnen zu anzuknüpfen. Er ist wie ein Fußgänger, der beim Überschreiten einer verkehrsreichen Straße in der Mitte zu vielen Fahrzeugen begegnet. Er weiß, dass er a.) umkehren, b.) weitergehen oder c.) bleiben kann, wo er steht. Eine Liebesbeziehung oder Ehe kann ein gesunder Mensch, wenn der Preis zu hoch ist, abbrechen. Wenn es notwendig ist, kann ein emotional gesunder Mensch die Beziehung zu jedem abbrechen – zum Gatten, zu einem Elternteil, zu einem erwachsenen Sohn oder einer erwachsenen Tochter, einem Verwandten, Chef, Geliebten, Angestellten oder politischem Führer.

Die Menschen heute konsumieren Liebesromane, doch auf echte Intimität verzichten sie immer öfter. Die simulierte Nähe der performativen Intimität gefährdet sogar die Sinnlichkeit – Pola Gauguin* (Danish/Norwegian, 1883-1961) Title: „Composition“ (1917)
Paul Rollon „Pola“ Gauguin was born in Paris, France. He was the youngest of five children born to the famed French artist Paul Gauguin and his Danish wife Mette Sophie Gad.
5. Psychisch gesunde Menschen haben ein Maximum an Wahlmöglichkeiten, sich gegen Gefahr zu verteidigen. Je nach der Situation können sie den Mechanismus „Flucht“ oder „Kampf“ anwenden, wenn sie die gesunden, unverzerrten Überlebensgefühle Furcht oder Zorn verspüren. In gewissen Situationen können sie, wenn es angebracht ist, den Ausdruck ihrer Gefühle unterdrücken.

Manchmal dauert es ganz schön lang, bis man unterscheiden kann, was ist psychisch gesund, und was nicht. – Michelangelo Drawing
6. Psychisch gesunde Menschen haben Einblick in ihre emotionale Programmierung. Sie benutzen ihre Selbsterkenntnis dazu, ihre Gefühle, ihr Verhalten und ihre Einstellungen zu lenken, zu äußern, oder zurückzuhalten. Gesunde Menschen wissen, wo ihre Konditionierung schlecht angepasst ist. Sie bekämpfen verzerrte Gefühle, können stereotype Einstellungsschemata von der Wirklichkeit unterscheiden und schätzen die Folgen ihrer Handlungen richtig ein. Ablehner lernen, verschüttete Schmerzen zu erreichen, so dass sie die Liebe eines anderen Menschen annehmen können. Annehmer erreichen den verschütteten Zorn, so dass sie ohne Furcht und unabhängig von anderen ihre Identität akzeptieren können. Ablehner lernen, wie sie ihre konditionierte Neigung, zu bedeutsamen menschlichen Kontakten nein zu sagen, bekämpfen. Annehmer bekämpfen ihre Neigung, um jeden Preis ja zu sagen.

Ablehner lernen, wie sie ihre konditionierte Neigung, zu bedeutsamen menschlichen Kontakten nein zu sagen, bekämpfen. Annehmer bekämpfen ihre Neigung, um jeden Preis ja zu sagen. – Ja und Nein sagen zu können, ist beides wichtig.
Menschen die zum Neid programmiert sind, bekämpfen dieses Gefühl. Diejenigen, die aus in der Vergangenheit liegenden Gründen besonders zornig sind, ringen darum, ihren Zorn nicht gegen Menschen zu kehren, die ihn nicht verdient haben. Von Furcht gelähmte Menschen bekämpfen ihre Furcht und tun trotz dieser Furcht alles, was notwendig ist.

7. Psychisch gesunde Menschen sind ihrem Potential entsprechend produktiv. Sie wählen einen persönlich befriedigenden Beruf und benehmen sich wie erstklassige produktive Arbeitskräfte, die Anspruch auf Anerkennung und Wertschätzung haben. Da sie frei von verzerrten Bedürfnissen und Abwehrmechanismen sind, können sie ihre Energie auf die Produktivität konzentrieren. Aber sie fühlen sich nicht genötigt, sich wegen des Beifalls ihres Vorgesetzten „in Szene zu setzen“.

(1882-1967) Nyack, Nueva York
Two Comedians, 1966
Sie sind selbstsicher genug, sich konstruktive Kritik anzuhören, ihre Gültigkeit für sich zu prüfen, und auf der Grundlage dessen zu handeln, was sie für richtig halten.
Psychisch gesunde Menschen, die in einer Autoritätsstellung sind, benutzen die besten verfügbaren Informationen, um Entscheidungen zu treffen. Sie schieben nichts aus Furcht vor Versagen auf. wenn ihre Entscheidung falsch ist, sind sie die ersten, die es zugeben und ihre Entscheidung korrigieren. Sie verteidigen oder verhehlen ihre Irrtümer nicht.

8. Psychisch gesunde Menschen sind fähig, ihre elementaren Emotionen in vollem Maß zu zeigen. Sie können vor Identitätszorn explodieren – ihre Selbsterkenntnis sagt ihnen: „Ich bin verletzt worden. Das war nicht fair. Ich werde nicht zulassen, dass mir so etwas noch einmal geschieht!“ Sie können die zärtliche Zuneigung der Liebe offen erkennen lassen, ungehemmt Furcht zeigen oder in quälendem Schmerz stöhnen. Die ganze Skala der Gefühle steht ihnen zur Wahl. Ihre Anwesenheit bereitet Freude, da sie voller Leben und selten langweilig sind. Weil sie auch auf geliebte Objekte zornig sein können, strömt von ihnen nie Aggressivität aus. Sie erkennen in dem Zorn ihrer Lieben die Besorgnis. Sie wissen, dass Zorn von einem Nahestehenden eine Form der Liebe, also starkes Interesse ist. Sie lassen zu, dass ihr Gesichtsausdruck sich verändernde Reize widerspiegelt. Emotional gesunde Menschen zeigen ihr Bedürfnis nach Liebe und vermitteln dadurch Personen den Personen, die sie lieben, das Gefühl, wichtig zu sein. Die Art ihrer Liebe und Zuneigung gibt allen, denen sie zugetan sind, Zufriedenheit und Wohlbefinden und bedrückt sie nicht.
How do you do, I’m ok
Got no worries, play every day
Alright

Don´t shine on, you crazy diamond
There’s no way to tell and there are many ways to go
There’s pain in your heart and your head in the snow
Alright, alright
Alright
Wir müssen alles alleine machen. Aber warum auch nicht.
Aus all diesen Punkten schließen wir, dass emotional gesunde Menschen die Freude über den Schmerz stellen. Sie steuern, was sie zu steuern fähig sind, und überlassen anderen die Dinge, die sie beim besten Willen nicht steuern können. Sie unterhalten emotionale Kontakte mit den Menschen, die sie lieben. Sie stehen in enger Verbindung mit ihren Gefühlen und sind deshalb in der Lage, in ihrer Einstellung zum Leben spontan und kreativ zu sein. Bei jedem Schritt wahren sich gesunde Menschen den Zugang zu einem Maximum an Wahlmöglichkeiten.

Vor der Erleuchtung – Kaffee trinken und Comic lesen.
Nach der Erleuchtung – Kaffee trinken und Comic lesen.
Der entscheidende Punkt ist, dass psychisch gesunde Menschen lustvollen Erfolg, nicht schmerzliches oder angsterregendes Versagen erwarten. Sie treten in eine neue Beziehung oder einen neuen Beruf mit angenehmen und freudigen Hoffnungen ein, nicht in der lähmenden Angst, verletzt zu werden. Gesunde Menschen erkennen, dass man Freude ohne Schmerz erlangen kann, und dass der Schmerz kein normaler Zustand menschlichen Daseins ist. Doch wenn auch der Schmerz möglichst vermieden werden soll, nehmen sie ihn als ein natürliches Gefühl hin, als einen Preis für das Leben, weil der Schmerz uns vor mehr Schmerz, vor Schaden und Tod bewahrt.
In unserer verworrenen und anspruchsvollen Gesellschaft ist emotionale Gesundheit nicht leicht zu erlangen. Sie fordert, dass man emotional offen bleibt, auch wenn es in vielen Fällen weniger schmerzlich und angsterregend wäre, verschlossen zu sein. emotional gesund sein heißt, mit verzerrten Gefühlen ringen, Verhaltensmuster an neue Verhältnisse anpassen und gegen überholte Einstellungen ankämpfen.

Two Friends on the Shore, circa 2009. Painted by Devin Leonardi (1981 – 2014).
This peaceful nocturnal scene captures two figures seated quietly on the shore, gazing across the soft glow of bioluminescent waves beneath a vast, star filled sky. The stillness of the sea and the muted palette create a deeply melancholic atmosphere, where feelings of sadness and loneliness linger in the silence. Yet, their shared presence offers a quiet sense of comfort, suggesting that even in life’s loneliest moments, companionship can bring solace.
Emotionale Gesundheit gibt einem ein Maximum an Wahlmöglichkeiten, ein Maximum an Reichweite und Nutzung der eigenen Fähigkeiten, ein Maximum an Kontakt mit anderen, ein Maximum an Gelegenheit zur Erfüllung. Gelegenheit zur Erfüllung bedeutet, dass einem die beste Chance für Glück und Freude, für die pulsierende, kraftspendende Heiterkeit, zu leben und lebendig zu bleiben, geboten wird.

_ The Wounded (or Little) Deer (El venado herico) 1946
oil on masonite 22.4 x 30 cm
Collection of Carolyn Farb Houston, Texas, U.S.A.
In 1946 Frida Kahlo had an operation on her spine in New York. She was hoping this surgery would free her from the severe back pain but it failed. This painting expressed her disappointment towards the operation. After she went back to Mexico, she suffered both physical pain and emotional depression. In this painting she depicted herself as a young stag with her own head crowned with antlers. This young stag is pierced by arrows and bleeding. At the lower-left corner, the artist wrote down the word „Carma“, which means „destiny“ or „fate“. Just like her other self-portraits, in this painting Frida expressed the sadness that she cannot change her own fate.
Frida used her pet deer „Granizo“ as the model when she painted this portrait. She had many pets which she used as her surrogate children and deer is her favorite kind.
This painting has multiple interpretations from different people. Some said it expressed her frustration over the botched surgery. Others said it portrays her incapability to control her own destiny. And some people said it has sexual implications and expressed her struggles in different relationships.
On May 3, 1946, Frida gave this painting to her friends Lina and Arcady Boitler as a wedding gift. With it, she included a note that said: „I leave you my portrait so that you will have my presence all the days and nights that I am away from you“
Let Everything Happen | Rainer Maria Rilke
„Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht“
Rainer Maria Rilke
Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:
Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.
Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.
Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.
Gib mir die Hand.
