Trotz des materiellen Wohlstands in unserer Gesellschaft herrscht Unzufriedenheit unter den Menschen. Millionen und Abermillionen fühlen sich unerfüllt, unglücklich, ohne Ziel. Immer mehr Menschen scheinen nach den Erregungen des Augenblicks zu greifen, um das Gefühl lebenslanger Deprivation zu mildern. Immer mehr Menschen betäuben sich mit Alkohol, Konservenunterhaltung, Rauschgift, Arbeitswut, Zwangssex ohne Gefühl, Zuschauersport. Immer mehr Menschen stellen fest, dass sie zwar nicht gerade unglücklich, aber auch nicht glücklich sind – ohne zu wissen, weshalb sie nicht glücklich sind oder was sie dagegen tun können.
Eine gewaltige Zahl von Menschen in unserer westlichen Zivilisation leidet an „gelähmten Gefühlen“. In der psychiatrischen Terminologie sind das „charaktergestörte Persönlichkeiten“ (=Persönlichkeitsstörungen). Sie sind zornig, voller Furcht, voller Schmerz oder in Not. Aber sie fühlen den Zorn, die Furcht, den Schmerz oder die Not nicht – höchstens einmal sporadisch und oberflächlich. Diese Symptome sind typisch für Süchtige und die Mehrzahl der Mittelschicht-Patienten. Sie sind gegen ihre innersten Gefühle abgekapselt. Ihre Fähigkeit, eine vertrauensvolle Beziehung mit anderen Menschen aufzunehmen und Liebe zu geben ist ernsthaft beeinträchtigt. Häufig „agieren“ sie destruktiv aufgrund tiefer Gefühle, von denen sie abgeschnitten sind. Sie tun Tag für Tag immer wieder das gleiche, ohne zu wissen, weshalb sie es tun und welchen Sinn es hat.

Ihre Fähigkeit, eine vertrauensvolle Beziehung mit anderen Menschen aufzunehmen und Liebe zu geben ist ernsthaft beeinträchtigt. Franz Radziwill – „Village entrance at the end of a workday“ [Dorfeingang, Ende eines Arbeitstages, 1912]
Als einzelne neigen viele von uns dazu, den gesellschaftlich anerkannten Werten und Vorstellungen unserer jeweiligen Subkultur entsprechend zu handeln, nicht jedoch aus dem Gefühl für unseren eigenen Wert. Die Institutionen und Sitten in unserer pluralistischen Gesellschaft belohnen uns sogar für unsere mangelnde Überzeugung. Millionen spielen Rollen: im Beruf, wenn wir unserem Chef Feuer geben; mit unseren Nachbarn, wenn wir vorgeben, herzliche Gastgeber zu sein; mit unseren Kindern, wenn wir versuchen, ihre „Kameraden“ zu sein; mit der Partnerin, wenn wir Lehrbücher über sexuelle Techniken durcharbeiten und mechanistisch danach streben, gute Liebhaber zu werden. Wir unterdrücken unsere ehrlichen Gefühle, während wir uns bemühen, das gesellschaftlich Angemessene zu tun. „Bleib unbeteiligt“ „Mach kein Aufsehen!“ „Werde nicht zornig!“ „Hab keine Angst!“ Oder in der Sprache der Jugend: „Immer lässig.“
Das Motiv, das dem Gesamtbild zugrunde liegt, ist das emotionale Abschalten. Um ihre Rollen spielen zu können, muss sich eine große Zahl von Menschen in unserer westlichen Kultur gegen ihre tiefsten Gefühle isolieren. Sonst würden sie die schreckliche Verwirrung und Demütigung fühlen, die ihre Rollen erzwingen. Man bringt uns schon in sehr frühem alter bei, Eingeweidengefühle zu unterdrücken – Gefühle, die für Tiere und auch für Menschen in der Frühzeit Überleben bedeutet haben.

Da muss man schon ziemlich dickfellig sein, seine tiefsten Gefühle in einer repressiven Gesellschaft zu spüren und zu leben. – Antonio Lopez Garcia (1936-) Spanish
Was uns geblieben ist, ist ein wenig Kontakt mit oberflächlichen Gefühlen meist defensiver Art, die den Zweck haben, jene tieferen, von unserer Kultur verbotenen Gefühle abzuwehren. Und geblieben ist uns eine von Krankheitssymptomen geprägte Welt. Häufig verhalten sich Menschen destruktiv sich selbst und anderen gegenüber. Bestenfalls verspüren sie ein Unbehagen – sie haben das Gefühl, dass etwas nicht richtig ist.
