endlich ist es rausgekommen mein neues Buch: Verlassenheit und Angst – Nähe und Geborgenheit: Eine Natur- und Kulturgeschichte der frühen Mutter-Kind-Beziehung (Psychosozial-Verlag). Und das Buch ist sehr schön geworden – es ist eine knappe Zusammenfassung auf 140 Seiten von meinen drei vergriffenen Büchern: Angst und Geborgenheit (1974) (über den prägenden Einfluss der frühen Mutter-Kind-Beziehung bei den ursprünglichen Völkern), Selbstzerstörung aus Verlassenheit, die Pest als Ausbruch einer Massenpsychose im Mittelalter (1992) und schliesslich meinem Mythenbuch: Der Ursprung der Angst, antike Mythen und das Trauma der Geburt (2001). Was mich an diesem meinem Lebensthema beschäftigt: Bei allen Affen/Primaten tragen die Mütter ihr Baby auf dem Körper herum, und wenn es weint oder schreit, weil es einen Griff verloren hat, nimmt es die Mutter sofort wieder mit einem sicheren Griff auf ihren Körper zurück: denn ein Affenbaby ist sonst vom Tod bedroht. Alle ursprünglichen Völker tragen dieses Wissen intuitiv in sich: Babys weinen praktisch nie – auch hier sind sie praktisch Tag und Nacht auf dem Körper der Mutter – oder einer anderen Betreuerperson.

Vorzivilisierte, primitive Stämme tragen ihre Kinder.
Umgekehrt werden Mutter und Baby bei allen Stadtkulturen voneinander getrennt – als emotionale Anpassung an das entfremdete, isolierte Leben in den Städten, in welchen alle Familien getrennt in ihren eigenen Häusern leben. Und je höher die Kultur, desto stärker die Trennung. Die ersten Hochkulturen, die uns davon Zeugnis ablegen können, sind die Sumerer und Babylonier, und im Spiegel ihrer Mythen habe ich das Babyweinen untersucht: Die Sumerer sind von diesem Weinen buchstäblich überflutet worden, sie konnten es einfach nicht verstehen. So heisst es beispielsweise in einem medizinischen Text: „Baby warum weinst Du so dass die Götter im Himmel nicht mehr schlafen können. Du warst so ruhig im Bauch deiner Mutter.“ Und entsprechend diesem Babyweinen haben die Sumerer in einem präpsychotischen Zustand gelebt.
Was mich daran zentral interessiert: Das Aufblühen unserer eigenen Kultur im 10./11. Jahrhundert, zuerst in Italien, dann in den Städtezentren in der Niederlande und in Deutschland: Kurz die Entwicklung des Handelskapitalismus bis hin zum Industriekapitalismus im 20. Jahrhundert. Dabei ist es mir wichtig zu zeigen, dass die Pest im Mittelalter als Ausbruch einer Massenpsychose zu verstehen ist. Und ich zeige das psychotische Erleben anhand von geschichtlichen Dokumenten über die Menschen im Mittelalter bis hin zum Verbrennen der eigenen Frauen als Hexen auf: Europa ist somit akut in eine akute Psychose gefallen. Andererseits zeige ich anhand der frühen Mutter-Kind-Beziehung, wie es zu dieser psychotischen Entwicklung kommen konnte, und dies wird nachgezeichnet anhand der Mutterbilder in der Malerei: Maria und ihr Jesusbaby, Thema Nummer 1 während rund 400 Jahren. Die Menschen damals waren „besessen“ von der Thematik Mutter und Baby.
Und natürlich interessiert dann auch die Frage wie und warum diese psychotischen Strukturen verschwunden sind.
Und diese Entfremdung zwischen Mutter und Kind ist nach dem Ende der Pest natürlich nicht abgeschlossen, sondern sie wird im Zeitalter des Industriekapitalismus weiterhin verschärft: Das eigene Kinderzimmer wird „erfunden“ (ein Baby braucht Ruhe) und dann als nächster Schritt wird einer Mutter nur noch erlaubt alle vier Stunden ihr Kind zu ernähren, sonst wird es „verwöhnt“. Im Industriekapitalismus wird ein Baby Tag und Nacht schreien gelassen – ein tobendes Baby ist in uns allen verborgen. Und dieses total verzweifelte und vereinsamte Baby ist die emotionale Grundlage für das „Funktionieren“ des Industriekapitalismus.
Aber mein Buch hört nicht so rabenschwarz auf, sondern im Gegenteil, mit einem mächtigen Ausblick in die Hoffnung. Seit den 60er/70er-Jahren des letzten Jahrhunderts hat es die Hippies gegeben (make love not war), und die Hippies haben ihre Babys wieder auf dem Körper getragen, eingewickelt in ein Tragetuch, wie die ursprünglichen Kulturen. Die Hippies haben intuitiv verstanden, dass die Babys mit ihren Tränen ihre Ängste ausdrücken. Und nach den Hippies ist dieser neue Körperkontakt zu einer „Modeerscheinung“ geworden bei einer alternativen Bevölkerungsschicht, wobei ganz progressive Eltern ihr Baby heute schon wieder zu sich in’s Familienbett nehmen: eine unendlich hoffnungsvolle Heilungschance – nach der Jahrtausende alten Trennung zwischen Mutter und Baby.
Mein grosses Anliegen im Buch ist zu zeigen, dass nicht der einzelne Mensch „verrückt“ ist, sondern wir leben in einer irren Gesellschaft, krank bis in die Knochen. Aber wir alle leiden unter diesen frühen Verletzungen und Traumatisierungen. Und in einer Paar- oder Liebesbeziehung ist DIE Möglichkeit gegeben, um unsere frühen Verletzungen kennenzulernen; dann nämlich wenn wir unser Partner nicht „verfluchen“, sondern spüren: sie sind immer nur die Auslöser unserer eigenen alten Verletzungen. Damit aber haben wir eine Möglichkeit in der Hand, unsere frühen Traumatisierungen kennenzulernen und zu spüren – um sie ausheilen zu lassen. Und letztlich ist dies der Sinn unseres Lebens. Und so Gott will ist dies das Thema meines nächsten Buches.
