Entbesetzung

Der Fuchs und die Trauben von John Rae, 1918

In der Psychoanalyse beschreibt die Entbesetzung (auch Besetzungsentzug) den Vorgang, bei dem psychische Energie (Libido oder Interesse) von einer bestimmten Vorstellung, einer Erinnerung oder einem äußeren Objekt abgezogen wird. Das Konzept stammt aus Sigmund Freuds ökonomischem Modell der Metapsychologie, welches die Psyche über die Verteilung und Verschiebung von Energiemengen erklärt. [1]

Kernaspekte der Entbesetzung

  • Der ökonomische Ansatz: Freud ging davon aus, dass uns eine begrenzte Menge an psychischer Energie zur Verfügung steht. Wenn wir ein Objekt (einen Menschen, ein Ziel, einen Gedanken) „besetzen“ (Kathexierung), investieren wir emotionale Energie darin. Wird diese Energie abgezogen, spricht man von Entbesetzung. [1]
  • Entzug von Bedeutung: Ein entbesetztes Objekt oder eine entbesetzte Vorstellung verliert für das Individuum schlagartig an emotionaler Bedeutung, Relevanz und psychischer Realität. Es wird „neutral“ oder gleichgültig. [1]

Klinische und alltägliche Beispiele

  1. Trauer und Ablösung: Im normalen Trauerprozess muss das Ich die psychische Energie Schritt für Schritt von der verlorenen Person (dem Liebesobjekt) abziehen (entbesetzen), um diese Energie wieder für neue Beziehungen oder Lebensaufgaben freizumachen.
  2. Abwehrmechanismen (Verdrängung): Um unerträgliche, angstauslösende Gedanken abzuwehren, kann das Ich diesen bewusstseinsnahen Vorstellungen die Energie entziehen. Die Vorstellung wird dadurch unbewusst gemacht oder abgeschwächt. Oft wird die abgezogene Energie dann auf ein anderes, harmloseres Objekt verschoben (Verschiebung). [1]
  3. Depression und Melancholie: Bei schweren Depressionen zieht das Individuum die Libido massiv von der gesamten Außenwelt ab. Die Welt erscheint leer und bedeutungslos, weil sie entbesetzt wurde.
  4. Schlaf: Im alltäglichen Zustand des Einschlafens entbesetzt das Ich temporär die Außenwelt sowie die eigenen Denkvorgänge, um in den Ruhezustand überzugehen.

Abgrenzung zu verwandten Begriffen

  • Gegenbesetzung: Hierbei wird Energie aufgewendet, um einen verdrängten Inhalt aktiv im Unbewussten zu halten (wie ein psychischer Damm).
  • Überbesetzung: Das genaue Gegenteil – eine Vorstellung wird mit extrem viel psychischer Energie und Aufmerksamkeit geladen. [1]

Der Fuchs und die Trauben (griech.: Ἀλώπηξ καὶ βότρυς) ist eine Fabel, die dem griechischen Fabeldichter Äsop zugeschrieben wird, Phaedrus dichtete eine lateinische Fassung (De vulpe et uva, Phaedrus, Fabeln 4, 3) im Versmaß des jambischen Senars.

In dieser Fabel zeigt sich ein Fuchs verächtlich über die Trauben, die er nicht erreichen kann:

„Der Fuchs biss die Zähne zusammen, rümpfte die Nase und meinte hochmütig: ‚Sie sind mir noch nicht reif genug, ich mag keine sauren Trauben.‘ Mit erhobenem Haupt stolzierte er in den Wald zurück.“

Die Fabel karikiert den unehrlichen Umgang mit einer Niederlage: Um sich nicht eingestehen zu müssen, dass er die Trauben nicht erreichen kann, behauptet der Fuchs, sie gar nicht erreichen zu wollen.

Die Moral von der Geschichte ist: „Wer das, was er nicht erreichen kann, mit Worten schlecht macht, soll sich dieses Beispiel hinter die Ohren schreiben. [Qui, facere quae non possunt, verbis elevant, adscribere hoc debebunt exemplum sibi.].“

In der Psychologie wird ein solches Schönreden eines Versagens auch als Rationalisierung oder Kognitive-Dissonanz-Reduktion bezeichnet. Hierbei wird versucht, einer konfliktären Situation nachträglich einen rationalen Sinn zu geben.

Ulrich und ich hatten damals ein gemeinsames Seminar über den psychoanalytischen Prozess gehalten. Wir sahen, dass einem Vorgang, der „Einsicht“ genannt wurde, eine zentrale Bedeutung in dem kurativen Prozess zugeschrieben wurde. Dieser Vorgang wurde ganz und gar sprachlich hergeleitet. Wir waren uns einig, dass dieser Blickwinkel doch sehr einseitig war, und wir dachten uns gemeinsam aus, wie man den Prozess untersuchen könnte. Ulrich hatte ein Konzept entwickelt, dass er „Besetzungsabwehr“ nannte. Es war die Vorstellung, dass diese Menschen ein „Objekt“ (z. B. eine andere Person) nur so weit besetzen könnten, als es ihre meist prekäre Autonomie erlaubte. Diese Abwehr war keineswegs auf dem neurotischen Niveau anzusiedeln. Er ging davon aus, dass Menschen mit „frühen Störungen“ diese Art von Abwehr anwenden – z. B. Personen mit einer Psychose bzw. Perversion oder psychosomatisch Erkrankte (Moser 2009, 2016). Ulrich vertrat die These, man könne diese Phänomene wirklich beobachten. Wir gingen dabei sowohl von unseren klinischen Beobachtungen wie von Ulrichs Modellvorstellungen aus. Er hatte schon in der ersten Computersimulation einen Parameter eingebaut, den er „Besetzungsreduktion“ nannte und hatte vorhergesagt, dass diese Besetzungsreduktion nur sehr schwer rückgängig gemacht werden könnte, und dass dies nicht durch Einsicht geschehe, sondern durch die Art der Interaktion zwischen Therapeut und Patient. Es war aber offen, ob und wenn ja, welche Verhaltenskorrelate diesen Prozess begleiten würden.

Joseph-Désiré Court (French painter, 1797–1865) Scene of deluge 1827

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