Techniken zur Abwehr der Liebe II

Pablo Picasso (Spanish, 1881-1973) The Tragedy (1903)

Die projektive Identifizierung als Modell

Von den vielen möglichen Definitionen wähle ich die von Ogden (1997) aus, die uns in unseren Forschungen aber auch der Klinik am Nützlichsten war. Sie lautet wie folgt:

  1. Selbstanteile werden von der Selbst- auf die Objektrepräsentanz projiziert.
  2. Reicht dies zur Abwehr nicht aus wird durch manipulative Interaktionen das äußere Objekt dazu gebracht die unerträglichen inneren Zustände zu erleben.
  3. Diese können nun im Anderen kontrolliert oder identifikatorisch miterlebt werden.

Die unter 1 und 3 angedachten Operationen sind kognitiv, die man-wenn überhaupt- nur erschließen kann. Was man messen und erfassen kann ist die die Induktion des zu projizierenden Gefühls im
Anderen. Das gilt natürlich nur dann, wenn man den Anderen, sein Verhalten und Erleben zum Gegenstand der Forschung und der Klinik macht. Er sollte sein Verhalten und Funktionieren unter dem
Einfluss der Induktion bewusst oder unbewusst ändern. Seine veränderte Gefühlswelt kann er introspektiv erfassen und mitteilen. Sehen kann man sein Verhalten, beispielsweise seine Bewegungen oder Erstarrungen.

Girl Sitting in the Attic Doorway – Lucian Freud

Eben dies haben wir in unseren Forschungsprojekten untersucht (Im Überblick Krause 2012). Am intensivsten haben wir uns mit der affektiven Mimik befasst. Da ist es nun so, dass in Reaktion auf
bestimmte Persönlichkeitsorganisationen von psychisch Kranken die Mimik des Anderen hinsichtlich Variabilität und Häufigkeit auf das Niveau eben dieser Personengruppen heruntergefahren wird.
Bestätigt ist dies für die Partner der paranoid schizophrenen Patienten, der Panik-Patienten, von Akuttraumatisierten und bei bestimmten psychosomatischen Patienten. Kleinkinder mit
Traumatisierungen weisen eine Art der Animier, auf. Ob ihre Partner auch so reagieren ist unbekannt, es könnte auch sein, dass der fehlende Affekt der Mutter die Ursache für einen Marasmus des
Kleinkindes ist. Wichtig ist im Zusammenhang mit unsren Überlegungen, dass wir tatsächlich eine Desaffektualisierung haben, aber nicht nur beim Patienten sondern in gleichem Ausmaß auch beim Anderen. Dieser Prozess ist unbewusst und man kann sich seiner Einwirkung nur unter sehr speziellen Randbedingungen z.B. in der Analyse entziehen. Über das Erleben der betreffenden
Krankheitsgruppen können wir sagen, dass es im Allgemeinen nicht mit dem Ausdruck übereinstimmt.

Pablo Picasso (Spanish, 1881-1973) La Soupe (c. 1902)

Die drei ersten Gruppen also paranoid Schizophrene, Panikpatienten und Traumatisierte sind in hohem innerem Aufruhr. Wir könnten die Idee verfolgen, dass es sich um die oben erwähnten chaotischen Zustandsaffekte handelt. Unter bestimmten Randbedingungen bricht die Mimikreduktion zusammen und es kommt zu heftigen Reaktionen auch im Ausdruck. Bei den Paranoiden mit Wut und
Verachtung, bei den Panikpatienten Verzweiflungs Schreie (Distress cry), bei den traumatisierten Angst und Wut. Bei den Kleinkindern treten zumindest zu Beginn einer malignen Entwicklung
Verzweiflungsschreie. In der Phase der Amimie haben sie nachweislich sehr hohe Cortisolwerte, was auch als Indikator für zumindest physiologische Erregung gilt.

Vor diesem Hintergrund vermuten wir der Verzicht auf den Emotionsausdruck sei keine strukturelle Eigenschaft sondern eine vielleicht überdauernde Abwehr. Was wir noch zu diskutieren haben ist, Abwehr gegen was?

The Butcher’s Daughter – Lucian Freud

Desobjektalisierung

Ähnliche Konzepte findet man unter dem Stichwort Desobjektalisierung z.B. bei Green (2002) und Damann (2012) Sie gehört Green zu Folge neben negativen Halluzinationen zur Arbeit des Negativen in dessen Rahmen nicht die existierenden lebendigen Objekte besetzt werden sondern die nicht Existenten, die Leere. Wobei die theoretische Frage, ob es sich um den Abzug der Besetzung von einem inneren oder äußeren Objekt handelt von keinem der Autoren explizit behandelt wird. Genau diese Frage macht für die Betroffenen auch keinen Sinn. Die Abwehrformation ist zu einem Entwicklungszeitpunkt entstanden in dem die Trennung zwischen Subjekt und Objekt noch nicht möglich war. Wenn es aber keine Subjekt -Objekt -Trennung gibt, hat der Affektausdruck des anderen unmittelbar Zugang in das wahrnehmende Subjekt, ohne dass es ein psychisches Puffersystem von Phantasien gäbe, das es erlauben würde, dem anderen eigene, vom wahrnehmenden Patienten unabhängige Intentionen zuzuordnen. Vor diesem Hintergrund scheint es mir zwingend anzunehmen, dass die körperlichen Anteile der Abwehr gar nicht dem eigenen Affekt gelten, sondern dem des Anderen und zwar als Auslöser für den Verlust der eigenen Intentionalität. Moser, von Zeppelin & Schneider (1969) folgend, kann man ein elementares biologisches Streben annehmen, die Wertschätzung durch ein Objekt das für einen wichtig ist möglichst hochzuhalten. Liebende wollen
vom Objekt ihrer Liebe geliebt werden. Dies gilt bereits für die frühen Mutter -Kind -Dyaden und bleibt als Grundprinzip narzisstischer Regulierungen das ganze Leben erhalten. Wenn diese Erfahrung (also geliebt zu werden) auf der Verhaltensebene z.B. durch den Verzicht auf den Freudeaffekt nicht gemacht werden kann, besteht die Möglichkeit die Bedeutsamkeit, also die Besetzung, des Objektes künstlich zu reduzieren., Damit wird die primäre Autonomie ebenso künstlich erhöht, man kann alles machen, also vor allem auch Triebbefriedigungen, allerdings um den Preis des Verlustes der Wertschätzung und der Freude und dem Einkauf einer hintergründigen Einsamkeit und Überforderung. Die Besetzung des Objektes kann nur so hoch sein wie es das Gefühl der primären
Autonomie erlaubt. Um die gefühlte Abhängigkeit vom Objekt zu erniedrigen wird das Objekt entwertet und beispielsweise deanimiert. Umgekehrt ist der narzisstische Gewinn einer Handlung umso höher, je höher die Wertschätzung dieses Objekts für die handelnde und erlebende Person ist.
Je höher also die Besetzungsintensität desto höher ist der Gewinn durch die vom Objekt stammende Wertschätzung und Liebe, aber auch die Angst vor dem Verlust des Objekts und die Erwartung der potentielle Bedrohung der primären Autonomie durch zu hohe Abhängigkeit von eben diesem Objekt.
Was die narzisstische Regulierung betrifft, gäbe es eine grundlegende Tendenz Interaktionen und Handlungen bei maximaler Besetzung durchzuführen. Die höchstmögliche Besetzung des Objekts bestimmt sich dadurch, wie intensiv die Person einschätzt, dass ihre primäre Autonomie vom Objekt
gewährleistet bzw. bedroht wird. Bindungen an und Besetzungen von Objekten die in der Fantasie die primäre narzisstische Autonomie gefährden, sind nur unter Verwendung eben dieser
Abwehrformationen möglich.

Wir sind bereit für das Jahr 2026.
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