Onanie

Geschlechtsverkehr ist nur ein unzureichender Ersatz für Onanie

Fast jeder tut es, aber kaum jemand spricht darüber: Den meisten Menschen fällt es schwer, Selbstbefriedigung zu thematisieren. Dabei hat Masturbation Vorteile für Körper und Psyche, sagt Sexual- und Paartherapeutin Heike Melzer.

Masturbation baut Stress ab, hebt die Stimmung und hilft beim Einschlafen, sagt Sexual- und Paartherapeutin Dr. Heike Melzer. Im Gespräch erklärt die Fachärztin für Neurologie, ob Onanieren das Risiko für Prostatakrebs senkt. Und welche Vorteile Selbstbefriedigung darüber hinaus für unsere psychische und physische Gesundheit bringt.

WELT: Wie wirkt Masturbation auf unseren Körper und auf unsere Psyche?

Heike Melzer: In jedem Fall positiv! Das merkt jeder, der Selbstbefriedigung praktiziert. Masturbation ist etwas, das nicht nur wir Menschen machen, sondern auch Tiere. Denn sie ist eine Form der Selbstfürsorge und eine Möglichkeit, unterschiedliche partnerschaftliche Sex-Affinitäten auszugleichen. Schließlich ist niemand mit einem identischen Partner verheiratet: Manchmal hat der eine mehr Lust, mal der andere. Masturbation ist also auch ein Regulativ.

WELT: Es heißt, Masturbation stärke die Abwehrkräfte. Was ist da dran?

Melzer: Masturbation stärkt unsere Abwehrkräfte weniger als Sex mit dem Partner oder der Partnerin. Denn beim Geschlechtsverkehr kommen wir mit unterschiedlichen Keimen in Kontakt. Was Selbstbefriedigung hingegen vermag, ist, den Serotoninspiegel zu erhöhen und unsere Hormone in Wallung zu bringen. Und Selbstbefriedigung hat sicherlich auch einen Entspannungseffekt.

Dennoch macht die Dosis das Gift. Denn es gibt natürlich auch zu viel Selbstbefriedigung. Wer also zu oft masturbiert, kann sich in einer Sackgasse verlieren. Das gilt vor allem für Onanie mit starken sexuellen Reizen. Insofern ist es wichtig, dass wir auch immer wieder Perioden finden, in denen wir auf Sextoys und pornografisches Begleitmaterial verzichten. Und uns stattdessen mal wieder mit unserem Partner beschäftigen.

WELT: Stimmt es, dass Masturbation zu Erektionsstörungen führen kann?

Melzer: Der Konsum sogenannter Superreize kann tatsächlich zu einer erektilen Dysfunktion, zu einer partnerbezogenen Lustlosigkeit und zur Verzögerung des Orgasmus führen. Das sind drei verschiedene sexuelle Funktionsstörungen, über die Menschen klagen, die sich mit sexuellen Superreizen umgeben. Das heißt, wenn ich sehr viel Zeit mit Pornografie, mit ständig wechselnden, starken Reizen verbringe, dann muss ich mich nicht wundern, wenn der Sex mit einem Partner nicht mehr funktioniert.

Denn im Zweifelsfall habe ich mich dadurch so stark auf audiovisuelles Material oder eine bestimmte Masturbationstechnik konditioniert, dass ich verlernt habe, mit einer Vagina oder einem Penis umzugehen. Superreize führen also dazu, dass wir verrohen, abstumpfen und einsamer werden, wenn es um partnerschaftlichen Sex geht.

WELT: Kann Masturbation helfen, das Risiko für Prostatakrebs zu senken? Und wenn ja, woran liegt das?

Melzer: Die Wahrscheinlichkeit, an Prostatakrebs zu erkranken, hat natürlich auch genetische Ursachen. Aber auch Infektionen wie beispielsweise mit HP-Viren können Prostatakrebs hervorrufen. Wer also Geschlechtsverkehr mit unterschiedlichen Partnern hat, setzt sich auch unterschiedlichen Viren aus. Und so wie das bei Frauen das Risiko erhöht, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, kann es auch bei Männern zu Entartungen kommen. Zum Beispiel zu einem Prostatakarzinom. Den Samenleiter sozusagen regelmäßig auszuspülen, kann dementsprechend nicht schaden.

WELT: Inwiefern beeinflusst Selbstbefriedigung unseren Schlaf und kann sie bei Schlafstörungen helfen?

Melzer: Selbstbefriedigung ist in der Tat ein probates Schlafmittel. Insbesondere für Männer, die danach hormonell in eine Art Schlaf- und Entspannungsphase eintreten. Frauen hingegen produzieren nach dem Orgasmus häufiger das Kuschelhormon Oxytocin und wollen dann lieber noch mit ihrem Partner reden. Heißt: Frauen macht Selbstbefriedigung mitunter eher wach. Aber wir Menschen sind ja nicht nur in Frauen und Männer zu unterscheiden. Und so gibt es auch Frauen, denen Selbstbefriedigung und Sex helfen, schlafen zu können, und Männer, die dadurch wach werden.

Aber ich weiß, dass Masturbation mit einem Belohnungsreiz kombiniert und oft an Rituale gekoppelt wird. Ein Beispiel: Viele nehmen vor dem Schlafen ihr Smartphone in die Hand und gönnen sich einen Porno, damit ihr Tag wenigstens noch einen Höhepunkt hat. Das ist weitverbreitet.

Früher hat man sich den Schnuller in den Mund gesteckt, dann hatte man ein Übergangsobjekt – einen Schmusebär – und später wurden es Pornografie und Masturbation, oder das Sextoy in der Schublade. Wobei ich es besser finde, wenn Masturbation interaktiv ist. Heißt: Den Partner einbezieht, statt ausschließlich in virtuellen oder technischen Welten stattzufinden.

WELT: Manche Menschen verzichten bewusst auf Onanie. Wann und vor allem für wen ergibt das Sinn?

Melzer: Verzicht ist dann sinnvoll, wenn wir Verhaltenssüchte entwickeln. Die gehen immer mit einer gewissen Toleranzentwicklung, Dosissteigerung und damit auch Abstumpfung einher – und das kann bis hin zum Kontrollverlust führen. Gerade in Zeiten, in denen Aufmerksamkeitsdefizite, Impulskontrollstörungen und Belohnungsaufschub so schwerfällt, ist Verzicht eine probate Methode, um den eigenen Willen zu stärken und sich wieder für normale Reize zu sensibilisieren, ähnlich wie bei einer Fastenkur.

Denn wenn wir mal drei Wochen lang keinen Alkohol trinken, auf Zucker und vielleicht sogar feste Nahrung verzichten, schmeckt ein Apfel plötzlich hervorragend. Und so ähnlich funktioniert das auch bei der Sexualität. Weniger ist mehr. Immer mehr Menschen erkennen, dass sie sozusagen Opfer starker Belohnungsreize werden und versuchen deshalb, ihre Willensstärke herauszufordern. Und beispielsweise auf Pornos zu verzichten, die letztlich auch nichts anderes als Junkfood sind.

Manchmal dient Verzicht auch bloß dazu, herauszufinden, ob es noch ohne äußere Reize funktioniert. Viele haben ewig nicht mehr versucht, sich selbst ohne Pornografie zu befriedigen oder ohne Masturbation auszukommen. Und diese Idee finde ich wunderbar. Denn: Ekstase braucht auch Zeiten der Askese. Und Hedonisten haben immer auch Phasen der Ruhe und des Innehaltens, weil es ihnen hilft, die Steuerungsfähigkeit zu behalten. Junkies hingegen konsumieren unkontrolliert.

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