Frühling II

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.

Bei schönem Wetter sitzen Menschen vor Cafés, picknicken im Park, sind ausgelassen – und die Einsamen fühlen sich noch einsamer. Scheinbar genießen alle ihr Dasein, nur man selbst ist hilflos und allein. Gedanken und Hilfe gegen ein unliebsames Gefühl – das nicht nur Singles betrifft.

„Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte.
Süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land

Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist‘s!
Dich hab ich vernommen!“

Eduard Mörike (1804 – 1875)

Endlich: Es ist morgens wieder früher und abends länger hell und dazwischen blüht, grünt, sprießt, wächst und gedeiht die Natur. Überall sieht man Menschen joggen, vor den Cafés sitzen, Händchen haltend flanieren, sommersprossige Gesichter, Sonnenbrillen, nackte Winterbeine, kleine Kinder und Picknicks in Parks, schmale Männer in Radlerhosen auf noch schmaleren Rennrädern, orange leuchtende Aperol-Spritz-Gläser auf Tischchen vor Restaurants.

Viele strömen im Frühling vor die Tür und raus in Parks und ins Grüne, doch sind deshalb alle glücklicher als im tristen Winter? Nein. In wohl keiner Jahreszeit als im Frühling schmerzt Einsamkeit mehr. Wer nun alleine ist, ohne feste Beziehung, ohne echte Freunde, ohne eigene Familie, ohne Mitbewohner oder einen Hund zum Ausführen, der wird im Park stehen: alleine, vielleicht mit einem Buch, wehmütig an die Zeiten, in denen man sich auf den Sommer noch gefreut hat.

1. Das reale Leben ist nur ein unzureichender Ersatz für einen guten Film. 2. Geschlechtsverkehr ist nur ein unzureichender Ersatz für Onanie. 3. Ein Mann ist nur ein unzureichender Ersatz für einen Hund.

Einsamkeit ist nicht schön, aber trotz allem ein wichtiges Gefühl. Einer der ersten Wissenschaftler, der sich dem Phänomen gewidmet hat, war John Cacioppo von der Universität von Chicago. Der inzwischen verstorbene Neurowissenschaftler wollte ergründen, ob man dem unliebsamen Gefühlszustand etwas Positives abgewinnen kann. Und ja, Cacioppo verblüffte mit folgender Erklärung: „Einsamkeit ist ein Warnzeichen, ein Signal, dass dazu dient, uns zu aktivieren, um so unser Überleben zu sichern.“

Genauso wie uns Hunger alarmiert, dass wir dem Körper dringend Nahrung zuführen müssen, rüttelt uns das Störgefühl der Einsamkeit auf, uns aufzuraffen und aktiv die Nähe anderer Menschen zu suchen. Weil wir soziale Wesen sind und uns in der Gegenwart anderer und als Teil einer Gruppe zugehörig, gesehen und anerkannt fühlen möchten – und müssen. Die meisten von uns zumindest, denn natürlich gibt es Ausnahmen und auch Menschen, die manchmal das Alleinsein brauchen, um sich zu erholen.

Harmonisch mit anderen zusammen sein hält gesund. Ich bin der zweite von links, der mit der Keule.

Dennoch gilt: Ohne die Sippe wäre der einzelne Mensch früher dem Tode geweiht gewesen. Heute zehrt es psychisch an uns. Wer zu viel alleine ist, neigt oft zu Depressionen oder kompensiert das ungute Gefühl vielleicht mit Substanzen wie Alkohol. (Auch das trifft natürlich nicht auf jeden und nicht gleich sofort zu, aber Sie wissen bestimmt, was ich meine.)

Nein, es sind nicht nur Singles betroffen

Sich alleingelassen zu fühlen und ohne Hilfe auszukommen, bedeutet eine extreme Stressbelastung. Das Gehirn schaltet in einen Notfallmodus, denn in dieser Gefechtsbereitschaft schüttet unser Körper permanent Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin aus. Unser Blutdruck ist erhöht, unser Immunsystem läuft im Sparmodus. Neben mentaler Belastung und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Depressionen und Angsterkrankungen führt Einsamkeit auch zu körperlichen Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Auto-Immunerkrankungen oder Krebs. Das gesundheitliche Risiko der Einsamkeit lässt sich Studien zufolge mit Adipositas oder Rauchen vergleichen.

Und nein, es sind nicht nur Singles betroffen. Auch in einer unglücklichen Partnerschaft kann man einsam sein, wenn man aneinander vorbeilebt oder nur funktioniert, statt Freundschaften zu pflegen.

Doch was hilft gegen Einsamkeit? Der erste Schritt könnte darin bestehen, sich selbst einzugestehen, dass man einsam ist. „Mist! Ich bin einsam!“ Ja, damit gehen Scham und Selbstzweifel einher. Man neigt dazu zu glauben, dass etwas mit einem nicht stimmt. Dass man niemand ist, mit dem man gern Zeit verbringt.

Wichtig ist deshalb, das Tabu zu brechen. Fragen Sie mal Ihre Mitmenschen, wie es denen geht. Einsamkeit sieht man niemandem an. Wenn Sie morgen Arbeitskollegen fragen, ob die ein schönes Wochenende hatten, wird wohl niemand offen zugeben „Ach, ich saß erst einsam im Park und habe mit meiner Existenz gehadert und Samstagabend drei Stunden Netflix geschaut, statt unter Menschen zu gehen.“

Fragen Sie mal Ihre Mitmenschen, wie es denen geht.

Menschen ist dieses stille und unsichtbare Leiden oft nicht anzusehen. Besonders in der Pandemie und den Lockdowns haben viele vorher sozial aktive Menschen eine Ahnung davon bekommen, was es bedeutet, viel alleine zu sein – und irgendwann auch einsam. Warnsignale, die einen jetzt im Frühling motivieren, wieder einem Sportverein beizutreten, die Clique zum Sommerfest einzuladen oder einen Städtetrip mit den Kumpels zu organisieren.

Pflegen Sie in diesen Tagen nicht nur Ihren Balkon oder Garten, sondern auch die positive Beziehung zu sich selbst. Wertzuschätzen Sie sich als Menschen, der andere bereichert, der unterhaltsam ist, eine angenehme Begleitung sein kann. Nur, wenn Sie das verinnerlichen, werden Sie tiefe Beziehungen mit anderen Menschen eingehen können.

Eine kleine Aufgabe für alle, die einsam sind:


Welche positiven Eigenschaften habe ich, die ich übersehe?
Was schätzen andere an mir?
Welche guten Erfahrungen habe ich mit Menschen gemacht?
Auf welche Aktivitäten habe ich im Frühling Lust?
Was habe ich früher im Sommer immer gern unternommen?
Mit welchen Menschen würde ich gern am Wochenende Zeit verbringen?

Für alle anderen hier noch eine schöne Visualisierungsübung, die man auf einer Parkbank oder auf dem Rad auf dem Weg zur Arbeit machen kann:

Stellen Sie sich Ihr gewünschtes Leben detailliert vor.
Ein Dasein, in dem Sie nicht mehr einsam sind.
Wie sähe der Idealzustand aus, an dem Sie keinen Tag mehr einsam, sondern höchstens bewusst alleine sind?
Was brauchen Sie, um so zu leben und was führt gerade jetzt zu Ihrem unglücklichen Zustand?
Wer könnte Sie unterstützen, mit wem fühlen Sie sich wohl, wen rufen Sie gern an oder verbringen gute Stunden?

Er: Gehst Du mit mir einen Kaffee trinken?
Sie: Wenn Du hübsch wärst, hätte ich ja gesagt.
Er: Wenn ich hübsch wäre, hätte ich Dich nicht gefragt

Schließen wir heute mit dem französischen Schriftsteller Marcel Proust: „Einsamkeit hat den großen Vorteil, dass man die Flucht vor sich selbst einstellt.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie in sich hineinhorchen und schauen, wie Sie gut und in Zweisamkeit, Ihrer Familie oder mit lieben Kollegen den Frühling genießen. Weil das Leben leichter zusammen aushaltbar ist.

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