Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz,
wie ein Siegel auf deinen Arm.
Denn Liebe ist stark wie der Tod
und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.
Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme.
Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, würde man ihn verspotten.
Hier kommt die Leidenschaft unmittelbar und in einfachen, das wesentliche aussagenden Worten zum Ausdruck. Es fehlt jede Geringschätzung, keine puritanische Moral engt ein. Alles ist frisch und unverdorben wie am ersten Tag, in seiner Ursprünglichkeit heute noch ein Beispiel für ungebrochene, unkomplizierte, unentstellte Liebe.

Marc Chagall Das Hohelied I
Das Paar im Vordergrund ist auf seltsame Weise miteinander verbunden. Die Frau hat einen Hahnenkörper mit tiefrot glimmenden Federn. Der Kopf der Frau ruht hingegeben auf der Brust des Mannes. Eine Taube wacht über diese Einheit. Von diesem sonderbaren Paar geht eine Diagonale ab, auf der sich ein anderes Paar, eindeutig als dasjenige des Königs mit seiner Geliebten zu erkennen, in die Lüfte zu schwingen scheint. Die Liebe zu Musik und Natur ist hier deutlich gemacht. Ein Vogel spielt die Leier, ein kleiner Musikant die Flöte in den blütenbesetzten Zweigen eines grossen Busches.
In der oberen rechten Ecke ist ein Thron zu erkennen, der Thron von Jerusalem, wie der Davidstern nahelegt; in der unteren linken Ecke ist parallel hierzu ein geöffnetes Buch zu sehen, vielleicht dasjenige des Hohelieds. Am rechten Rand des Gemäldes ist eine Stadt in Dunkelheit getaucht zu sehen, das Rot ist hier besonders tief. Eine Silhouette einer jungen Frau, die nackt ist, löst sich vom Grund. Diese Szene scheint eine Traumsequenz, die im Hohelied beschrieben ist, zu illustrieren, die Geliebte sucht ihren Geliebten in den nächtlichen Strassen Jerusalems.

Marc Chagall Das Hohelied II
Eine ausgestreckte Frau, von einem in Blüte stehenden Busch umgeben, scheint zu schlafen, zu träumen. Die Nacktheit der schlafenden Frau verweist auf den Vers „Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt.“
Es ist durchaus möglich, in dieser so auf dem Lebensbaum dargebotenen Frau Bella zu sehen. Der Lebensbaum ist gebeugt, Bella ist nicht mehr, aber eine andere Frau sitzt am Fuss des Baumes, Valentina, die ebenfalls Geliebte ist.
Auf diese Weise sind die beiden Frauen in ein und derselben Liebe verbunden. Die sehr helle Farbe des dargebotenen Körpers verleiht dem Gemälde eine erotische Atmosphäre.
Oberhalb Jerusalems ist eine Hand zum Mond hin ausgestreckt. Der Mond ist Symbol des Weiblichen.
Zwischen den beiden im Bild zu erkennenden Bäumen schwebt der flügelbewehrte König David. Mit seiner Leier begleitet er die Reise der ausgestreckten Frau in das Land der Träume. In der Nähe Davids steht der Thron Salomonis und unterhalb des Berges ist die Stadt Jerusalem mit Davidsturm und Felsendom zu erkennen.

Marc Chagall Das Hohelied III
Dieses Bild weist eine besonders komplexe Komposition aus drei angeschnittenen Kreisformen auf. Im oberen Teil verweisen die beiden Kreisformen deutlich auf die Brust einer Frau, weiter unten verbindet ein grösserer Bogen, es ist der Bauch.
Diese Rundformen werden von einem Hochzeitspaar durchquert, über ihnen breiten Engel einen Hochzeitsbaldachin. Die Körper des Paares scheinen miteinander zu verschmelzen und erinnern an Sternschnuppen. Ein Engel trägt mit einem Kerzenhalter das Licht voran, ein anderer spielt den Shofar, eine Menschengruppe zu Füssen des Paares, gleich einer Hochzeitsgesellschaft, feiert die Zeremonie. Die Taube, Symbol des Friedens, fliegt oberhalb des musizierenden Engels.
Ein weiteres Zentralmotiv wird deutlich: dank eines Spiegeleffektes entlang einer leicht gebogenen Linie sind zwei einander entsprechende Städte zu erkennen. Vence, mit seiner Befestigung und der Kathedrale auf der einen Seite, Vitebsk, umgekehrt, mit seiner orthodoxen Kirche und den kleinen Häusern. Im Himmel über Vitebsk ist ein Jude mit Rucksack zu sehen: ein Verweis auf Chagall selber, der aus der russischen Heimat nach Paris aufgebrochen ist, von wo er nach langer Reise nach Vence gelangte.
In diesem Bild ist die Welt Chagalls dargestellt, so wie der Maler sie mit seiner Palette und seinen Pinseln schafft.
Am unteren Ende des Gemäldes ist das ausgestreckte Hochzeitspaar zu erkennen, vielleicht ein Abbild der ersten Liebe mit Bella. Die junge Braut hat tatsächlich die Augen geschlossen. Auch wenn der König David in diesem Bild nicht abgebildet ist, so erinnert ein gekrönter Esel, ein messianisches Tier, an das Thema des Bilderzyklus.

Marc Chagall Das Hohelied IV
Auf tiefrotem Grund trägt ein geflügeltes Pferd die Bilddiagonale entlang das ineinander verschränkte Paar von David und Bathseba. Pegasus, das geflügelte Pferde der griechischen Mythologie, symbolisiert die Poesie. Zwischen seinen vorderen Hufen trägt es als Gabe einen Blumenstrauss. Das quer über das Pferd gelegene Paar ist kometengleich dargestellt. Die hinteren Beine des Pferdes sind nicht zu sehen, das Hochzeitskleid zieht schweifgleich nach.
Die Gegenwart des Pferdes verweist ebenfalls auf die Stärke des Verlangens, der körperlichen Liebe.
Darunter ist wie glimmend die Stadt Jerusalem, mit dem Turme Davids, dargestellt. Am unteren Ende des Bildes sind alle Figuren der biblischen Botschaft zu erkennen. Der ewige, der wandernde Jude, Frauen, die Kinder tragen, Rabbiner, Liebespaare.
Das Gesicht Davids ist grün, er scheint auf die jiddische Redewendung, „man ist grün vor Gefühl“ Bezug zu nehmen.

Marc Chagall Das Hohelied V
Das letzte Bild des Hohelieds fasst den in diesem Saal präsentierten Zyklus zusammen. Eine mehrfarbige Sonne erhellt in einer Vielzahl von Rosatönen das Liebespaar mit David und der entkleideten Frau, die Städte aus dem Leben Chagalls und die Musik.
Im Gegensatz zur gleissenden Sonne der Schöpfung hat diese Sonne Strahlen in Form eines Sterns.
Die Komposition evoziert die beiden zentralen Städte im Leben Chagalls, sie sind mit der Brücke verbunden, die in Vitebsk die Dvina überquert. Rechts, auf dem Hügel, ist der Geburtsort Chagalls zu sehen. Links die Stadt Jerusalem, damit der Unterschied deutlich wird, hat Chagall den Davidsthron mit den beiden Löwen des Stammes Juda dargestellt und auf hebräisch „Jerusalem“ hinzugefügt.
Oberhalb der Stadt schwebt der psalmudierende König David in Erwartung seiner Braut. Ein Vogel verdeckt einen Teil des Kopfes und man wird des königlichen Profils gewahr. Zu seinen Füssen ist die Krone, Attribut des Königtums, auf dem Kopf eines Esels, dem messianischen Tier, gelegt. David ist nämlich auch als Präfiguration des Messias gesehen worden. Die Braut ist durchsichtig, sie gleicht einer Erscheinung, einem verlöschenden Traum.
Dieses Gemälde ist gleichzeitig Höhepunkt des Hohelieds und Zusammenfassung der in den anderen vier Werken entwickelten Themen.
Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Willkommen und Abschied – Johann Wolfgang von Goethe
