Ovids Metamorphosen enthalten die bis heute kanonische Darstellung des Narziss-Mythos, in der verschiedene Motive kunstvoll miteinander verknüpft sind. Bereits in der frühen Kindheit von Narziss befragte seine besorgte Mutter Liriope den Seher Tiresias, ob ihrem Sohn ein langes Leben bestimmt sei. Tiresias antwortet, Narziss werde nur dann ein langes Leben haben, „wenn er sich niemals selbst erkennt“. Herangewachsen zu einem überaus liebreizenden Jüngling und von Frauen wie Männern umschwärmt, weist Narziss hochmütig alle Werbungen ab. Auch die Liebe der Nymphe Echo – von den Göttern damit gestraft, dass sie keine eigene Sprache hat, sondern nur die letzten Silben ihres Gegenübers zu wiederholen vermag – lässt Narziss kalt, denn „es beseelte den zärtlichen Körper die sprödeste Härte“.

Caravaggio, Narcissus (1594-1596). Narciss bildet mit seinem Spiegelbild einen Kreis, der von Dunkelheit umgeben ist, so dass die einzige Realität innerhalb der Selbstbetrachtung liegt: Narciss „kreist um sich selbst“ und jede Transzendenz ist ausgeschlossen.
Doch schließlich verwünscht ihn einer der verschmähten Werber: Er solle selbst die Erfahrung machen, zu lieben und zurückgewiesen zu werden; und Nemesis, die Göttin des gerechten Zorns, erhört diesen Wunsch.

Nemesis, die Göttin des gerechten Zorns, erhört diesen Wunsch. Nemesis, 1837, Alfred Rethel
Auf ihr Wirken hin verliebt sich Narziss am Teich des Berges Helikon in sein eigenes Spiegelbild, das er zunächst nicht als solches erkennt:
Nicht

Dies ist mein, und ist es nur durch Dich.
