Songs of yesterday

Bringing sounds of yesterday into my city room

Der Narzissmus war bislang kein zentrales Thema der phänomenologischen Psychopathologie. Dabei ist das Phänomen allgegenwärtig – als Modewort, als Struktur gesellschaftlicher Beziehungen, als klinische Diagnose. Doch was genau verbirgt sich dahinter? Welche Erfahrungen fehlen, wenn der Blick der anderen wichtiger wird als das eigene leibliche Spüren? – Die Vorlesung entwirft eine phänomenologisch fundierte Analyse des Narzissmus. Sie beschreibt das narzisstische Selbstverhältnis als Ausdruck einer existenziellen Leere: eines Mangels an leiblich gespürtem Selbstwert, der durch äußere Bestätigung, Schönheit oder Macht nicht dauerhaft gestillt werden kann. Damit erweist sich der Narzissmus als ein radikales ebenso wie universelles Phänomen – eine grundlegende Möglichkeit des Menschseins. Zugleich wird er zu einem Spiegel der spätmodernen Seele: In einer Kultur der Subjektivierung – von Social Media bis Therapie, von Echo bis Instagram – gilt es umso mehr zu verstehen, warum der Wunsch nach Bewunderung nie satt macht.

Eine Vorlesung von Thomas Fuchs im SS 2026 an der Universität Heidelberg; Mittwoch , 16:00 – 17:30 von 22.04.2026 bis 15.07.2026 Philosophisches Seminar (PS)

Der fleißige Student mit seiner schönen Tasche

Was wir anbieten und entwickeln wollen, ist eine philosophisch begründete Analyse, genauer eine phänomenologisch-existenziale Theorie des Narzissmus, die Einsichten verschiedener Disziplinen integriert. Damit ist zweierlei gemeint:

  • Die Phänomenologie lässt sich als die Wissenschaft von den Erscheinungsformen und Grundstrukturen des Bewusstseins verstehen – etwa von Subjektivität, Leiblichkeit, Zeitlichkeit oder Intersubjektivität; und es ist offensichtlich, dass sich der Narzissmus gerade in diesen Dimensionen abspielt. Wir analysieren Narzissmus als eine Figur der Subjektivierung im doppelten Sinn: (a) als Subjektivitätsform, also als eine grundlegende Möglichkeit des Menschen, sich zu sich, zu anderen, und zur Welt im Ganzen zu verhalten; (b) im Sinne einer mangelnden Dezentrierung, also als eine Form der Zentrierung auf das Subjekt. Narzisstische Subjektivität ist dabei weiter gefasst als die ausgeprägte Form der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Es gibt ein narzisstisches Kontinuum, das von der klinischen Störung über einen narzisstischen „Persönlichkeitsstil“ oder eine „Persönlichkeitsakzentuierung“ bis zu einzelnen egozentrischen Verhaltensepisoden reicht.
  • Die Existenzphilosophie untersucht die psychischen Phänomene noch unter einem anderen Aspekt, nämlich im Hinblick auf die Grundbedingungen der Conditio humana: Geburt, Leben, Leib, Mangel, Sozialität, Scham, Schuld, Endlichkeit, Tod – um nur einige zu nennen. Eine existenzanalytische Betrachtung des Narzissmus sucht ihn als einen spezifischen Umgang mit diesen Grundbedingungen zu verstehen: als Versuch der Lösung von Dilemmata, sie mit der menschlichen Existenz gegeben sind, unter dem Vorzeichen eines Mangels an Selbstwert, dessen Ausgleich im Außen gesucht wird. Da dieser Versuch, wie wir zeigen werden, aus inhärenten Gründen misslingen muss, ist dem Narzissmus letztlich auch eine tragische Dimension zu eigen.

Wir Narzissten suchen die Nähe, das Gespräch, die Diskussion. Zum Beispiel dadurch, dass wir hier Beiträge schreiben und damit Diskussionen eröffnen, auf die nie jemand antwortet, auf die es keine Reaktionen gibt, auf die keine Kommentare geschrieben werden, die sadistisch-kalt ignoriert werden, bei denen uns hämisch-verachtend jede Reaktion und Anteilnahme verweigert wird, und die uns genauso einsam, ja noch einsamer zurücklassen als zu dem Zeitpunkt, als wir in unserer Not und Verzweiflung noch die letzte Hoffnung und die letzte Kraft zusammengekratzt haben, es doch noch mal zu versuchen, doch noch mal die Illusion in die Welt zu tragen, es gäbe wenigstens eine gnädige Seele in dieser Welt, die sich zu einer Antwort und einem Kommentar erbarmen würde.

Ziel unseres phänomenologisch-existenzialen Ansatzes ist es demnach, das narzisstische Selbst- und Weltverhältnis in seinen Grundstrukturen zu beschreiben, wobei wir besondere Aufmerksamkeit auf seine leibliche Verfasstheit richten – ein Aspekt, der bislang kaum Beachtung gefunden hat.

„Struktur“ bedeutet so viel wie „Bauart“, „Zusammenfügung“; das heißt, dass es um Verhältnisse geht, nicht um eine einzelne Eigenschaft. Zum Beispiel um die Verhältnisse von Bedürfnis und Handlung, Erleben und Erzählen, Leib und Selbst, Wesen und Maske; aber auch um das Verhältnis von Subjekt zu Subjekt, von Subjekt zu Objekt. Diese Verhältnisse sind nicht beschränkt auf das Individuum: In gewissem Sinne können auch eine Gesellschaft, eine Wirtschaftsform oder ein Medium narzisstisch sein – wenn sie nämlich analoge Strukturen aufweisen wie ein narzisstisches Objekt oder wenn sie zur Entstehung und Aufrechterhaltung narzisstischer Strukturen wesentlich beitragen.

Wir haben klare Strukturen geschaffen, rot und blau.

Im Titel unseres Essays über das „unersättliche Selbst“ sind einige solcher Verhältnisse angedeutet, die wir in den folgenden Kapiteln näher untersuchen. Unersättlich ist zunächst ein Hunger, der durch keine Speise gesättigt, ein Trieb, der nicht befriedigt, ein Mangel, der nicht gestillt werden kann. Wenn nun aber das Selbst unersättlich ist, dann reicht der Mangel tiefer als bis zu einzelnen Bedürfnissen, nämlich bis in den Kern der Person selbst. Sein eigentlicher Grund besteht dann nicht in fehlenden Erlebnissen, Befriedigungen, Gütern oder Erfolgen, sondern vielmehr in einer tieferen, inneren Leere, die wir am Grund der narzisstischen Subjektivität finden. Narzissmus bedeutet einen Mangel an eigenem Sein, an „Sich-selbst-Sein“: Selbstgefühl, Selbstwert, aber auch Selbstkongruenz, im Sinne einer Übereinstimmung mit sich selbst, man könnte auch sagen: eines „Mit-sich-selbst-befreundet-Seins“.

A bare winding carcase, stark
Shimmers as flies scoop up meat
An empty way
Dry tears

I’m trying
I′m trying
To find you
To find you

I’m living
I’m giving
To find you
To find you

I′m living
I′m living
I’m trying
I′m giving

Wenn es sich so verhält, wird die typische narzisstische Unersättlichkeit verständlich. Es geht um eine Leere, die durch äußere Güter nicht zu erfüllen ist. Womit versuchen Narzissten dennoch, ihren Mangel zu stillen? Ovids Narziss-Mythos zeigt es bereits: sie suchen ihr Selbstsein, ihren Selbstwert im Spiegel – in ihrem Bild, ihrem Image, ihrem Selfie, damit letztlich in der Bewunderung oder im Neid der anderen, jedenfalls in deren Blicke. Videor ergo sum, ich werde gesehen (bzw. gespiegelt), also bin ich – so könnte man den grundlegenden narzisstischen Schluss ausdrücken.

Wir Narzissten sind ganz verliebt in unser Selbstbildnis und machen selfies am laufenden Band.

Freilich geht dieser Schluss wiederum ins Leere. Denn der Raum im Spiegel ist nur ein virtueller, ein Raum des Scheins. Daher lässt er den Sich-Spiegelnden auf eigentümliche Weise unbefriedigt und leer: Ich bin es, und ich bin es doch nicht. Es ist nur mein Anblick von außen, nicht meine gespürte, leibliche Existenz.

Wir werden die These vertreten, dass auch das, was „Selbstwert“ genannt wird, seine Basis in einem leiblichen Selbstgefühl hat, das nicht durch „Spiegelung“ erworben wird, sondern eher durch Erfahrungen der Wärme, der Berührung, des Gehalten- und Getragenwerdens – Erfahrungen, an denen es in der Kindheit von Narzissten gemangelt hat.

Man könnte zB Blumen pflücken, sie in eine Vase für einen freundlichen Empfang stellen, und den Menschen, offen, zugewandt, teilnehmend, wohlwollend, ein freundliches Willkommen geben, die Schönheit der Gemeinsamkeit, der Anteilnahme, des fürsorgenden Miteinanders zu teilen, zu leben und zu schenken. Wenn sie denn kämen.

So ist das narzisstische Subjekt gewissermaßen zwischen zwei Leeren eingespannt, der inneren Leere des Selbst und der äußeren Leere der Spiegel, die es sucht.

Die Unersättlichkeit, die wir diesem Subjekt beilegen, ist Ausdruck dieser doppelten Leere: Hunger, Gier und Mangel, Spiegelungssucht und zugleich deren Vergeblichkeit, schließlich eine existenzielle Verzweiflung – dies zeichnet die narzisstische Subjektivität aus. Ob diese Merkmale bewusst erlebt werden oder nicht, ist für ihren existenzialen Charakter zweitrangig, wie wir weiter unten ausführen werden: Nicht alle Narzissten fühlen sich schlecht, minderwertig oder verzweifelt, oft im Gegenteil. Die Struktur der narzisstischen Existenz muss nicht bewusstwerden, um doch handlungsleitend zu sein.

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