Wie seht ihr das? Klappt es immer? Oder lohnt es sich, einmal darüber zu reden?
Face-to-face-Kommunikation als Urform der zwischenmenschlichen Kommunikation
Was unterscheidet nun Face-to-face-Kommunikation von anderen Formen der zwischenmenschlichen Kommunikation, d.h. wie kommunizieren wir eigentlich? Genauer gefragt: was unterscheidet eine Kommunikation zwischen zwei Menschen, die sich zur gleichen Zeit am gleichen Ort befinden, beispielsweise von einer Video-Konferenz bzw. einer Kommunikation über Webcams? Die Face-to-face-Kommunikation im strengen Sinne ist gekennzeichnet dadurch, dass zwei Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort miteinander kommunizieren, d.h. die leibliche Dimension ist zum gleichen Raumzeitpunkt gegeben. Beide Kommunizierenden können einander uneingeschränkt mit alien Sinnen wahrnehmen. Diese Wahrnehmung ist in allen anderen Kommunikationsformen mehr oder weniger eingeschränkt. Wie gerade im Vergleich mit der computervermittelten Kommunikation deutlich wird (s. Abschnitt 4.5), gehört zur Face-to-face-Kommunikation wesentlich die Leibdimension, ihr Ausdruck im und durch den Leib, über den wir uns in vielfältigster Weise mitteilen.
Wie zu zeigen sein wird, ist die eben umschriebene Face-to-face-Kommunikation, die gleichzeitige raum-zeitliche Gegebenheit in eins mit einer uneingeschränkten sinnlichen Wahrnehmung, die Urform der zwischenmenschlichen Kommunikation, das analogatum princeps, der gegenüber alle anderen Formen zwischenmenschlicher Kommunikation – in unterschiedlichen Graden – bloße Derivate sind. Daraus folgt, dass zunächst die phylogenetisch primäre Form zwischenmenschlicher Kommunikation – und zugleich damit auch die Bedeutung der leiblichen Dimension fur sie – geklärt werden muss, bevor deren Derivate hinsichtlich ihrer Ähnlichkeit bzw. Unähnlichkeit verstanden werden können.

There’s no mercy for the bitter kind
Tell him some flowers already have grown
Tell him the ice broke this afternoon
Tell him fishermen are out there to catch
Tell him there are lovers so hungry to match
Our love is so hungry to match.
Eine ganz andere Position nimmt diesbeziiglich Klaus Merten (1977, 1999), Verfasser von Grundlagenwerken zur Kommunikationswissenschaft, ein. Er unterscheidet zwischen informeller und medialer Kommunikation. Unter ersterer versteht er „mündliche, personale, Face-to-face-Kommunikation“ (Merten 1999, 14). Letztere subsumiert Buch, Presse und Rundfunk (vgl. ebd. 13). Beide Kommunikationsweisen zeigen seiner Meinung nach die gleiche Struktur bzw. funktionieren nach gleichen Gesetzen. Die informelle Kommunikation stellt fur ihn den „einfachsten Kommunikationsprozess“ dar (ebd. 15), die Entwicklung hin zu einer Mediengesellschaft ist Ausdruck einer „Evolution der Kommunikation“ (ebd. 20) von der Schrift bis hin zum World Wide Web. „Entwicklung“ meint hier demnach „Medienentwicklung“. In dieser Evolution der Kommunikation wird die informelle Kommunikation offensichtlich als ihr Beginn angesehen. Wenn von Entwicklung die Rede ist, dann ist damit bei Merten technische Ausdifferenzierung, z.B. bezüglich der Geschwindigkeit, gemeint. „Entwicklung“ ist aber, für sich gesehen, nicht zwingend positiv konnotiert. Hierfür ist immer ein Maßstab erforderlich. Was bei Merten fehlt, ist eine Qualifizierung dieser Entwicklung. Ohne Maßstab kann man Veränderung zwar feststellen, aber nicht bewerten. Die behauptete Strukturgleichheit wird von Merten nicht begründet, auch nicht, warum Face-to-face-Kommunikation die einfachste Kommunikationsform sein soil. Das hat zur Folge, dass Face-to-face-Kommunikation bei Merten wie bei vielen anderen Autoren gemäß der Medienkommunikation verstanden wird.

Zwischenmenschliche Kommunikation als prozesshaftes Ereignis
Zwischenmenschliche Kommunikation ist zugleich auch ein ubiquitäres Ereignis. Überall, wo Menschen miteinander in Kontakt kommen, geschieht Kommunikation. Der Mensch selbst ist eine sich prozesshaft entwickelnde Erscheinung. Analog dazu scheint das auch für seine kommunikativen Fähigkeiten zu gelten. Dieter Wyss hat in seinem umfangreichen Gesamtwerk einen umfassenden Kommunikationsbegriff verwendet, allerdings in analoger Bedeutung: auf der organismischen Ebene spricht er von Kommunikation im Sinne von „Austausch“, wie etwa beim intermediären Stoffwechsel, in gleichem Sinne auch zwischen Organismus und Umwelt, wie z.B. bei der Atmung oder Nahrungsaufnahme. So gesehen setzt Wyss „Leben“ und „Kommunikation“ gleich. Was lebt, das kommuniziert auch. Das gilt in dieser Hinsicht für alle Organismen. Natürlich kann diese Kommunikation in verschiedenster Hinsicht gestört werden, z.B. durch Intoxikationen oder unkontrolliertes Zellwachstum. Analog dazu konnte man sagen, dass der Mensch kommuniziert, sofern er lebt, vorausgesetzt, er hat einen Kommunikationspartner, wenn Kommunikation denn grundsätzlich zwischen zwei Menschen geschieht.
Dies wirft etliche Fragen nach den Grenzen zwischenmenschlicher Kommunikation und damit nach ihrer Definition auf. Wann beginnt ontogenetisch die menschliche Kommunikationsfähigkeit und wann endet sie? Kommunizieren zwei jeweils einen Tag alte Säuglinge miteinander, wenn man sie nebeneinander legt? Wie lässt sich die Kommunikation mit Menschen im Wachkoma oder mit einer Demenz vom Alzheimertypus, mit organischen Defiziten wie etwa bei Preterm-Babys oder jenen oben schon erwähnten Menschen mit ästhetischen Abweichungen einordnen? Wie steht es um die zwischenmenschliche Kommunikation mit psychiatrisch erkrankten Menschen, die beispielsweise an einer Manie, Katatonie oder Depression leiden, und nicht zuletzt mit Sterbenden? Worin unterscheidet sich die Kommunikation mit einem Kind von der mit einem Erwachsenen? Organische und psychiatrische Erkrankungen scheinen deutlich unsere Kommunikationsfähigkeit zu beeinträchtigen, aber worin genau besteht diese Beeinträchtigung: im Sprach- bzw. Sprechverlust, im Gedächtnisverlust? Gestört bzw. erschwert erleben wir die zwischenmenschliche Kommunikation aber nicht nur durch organische und psychiatrische Erkrankungen, sondern auch durch die „normalen“ Stimmungsschwankungen wie Müdigkeit, Hunger und affektive Schwankungen. Wie unterscheidet sich ferner die menschliche Kommunikationsfähigkeit von jener der Primaten? Was ist im Unterschied zu ihnen das „typisch Menschliche“ an der zwischenmenschlichen Kommunikation? Wir erleben überdies Kommunikation als gestört oder gelungen, dies aber zudem nicht einfach als Alternative, sondern mit vielen – u.U. auch dynamischen – Übergangen und Wechseln zwischen diesen beiden Polen.

