Wie seht ihr das? Klappt es immer? Oder lohnt es sich, einmal darüber zu reden?
Wie zeigt sich also das Phänomen „zwischenmenschliche Kommunikation“, was erleben zwei gesunde erwachsene Menschen mit intakten Sinnesorganen, die miteinander kommunizieren? Es werden Worte gesprochen, nonverbale und paraverbale Äußerungen gemacht. Ich verstehe den Anderen, was er mit Worten sagt oder auch ohne Worte. Ich nehme Widersprüche wahr: er sagt etwas, aber ich spüre, dass er etwas anderes meint. Ich verstehe ihn inhaltlich nicht, oder: wir sind nicht einer Meinung, oder: ich lasse ihn lieber meine wahren Absichten im Unklaren. Er fragt genau nach, ich weiche aus. Ich merke, dass er mich anlügt, weil ich andere Informationen habe, oder weil ich es „spüre“. Plötzlich kommt mir der entsprechende Verdacht. Ich bin misstrauisch und erzähle nicht alles, was der Andere wissen will. Ich spüre, dass der Andere eine ganz bestimmte Äußerung von mir hören will und mache sie schließlich, um keinen Arger zu bekommen oder um ihn nicht zu enttäuschen. Gespräche werden als mühsam erlebt, weil der Andere nicht reden kann oder will. Sie können auch nur anfangs etwas zäh sein und dann immer flüssiger werden. Sie können im Gefühl enden, dass es ein wunderbares Gespräch war und man sich in Zukunft mehr davon erhofft. Das kann auch auf Gegenseitigkeit beruhen. Oder der Andere gibt zu verstehen, dass er dafür keine Zeit hat, dass er das Gespräch nicht so erlebt hat, z.B. zwischen Psychotherapeut und Klient. Das Gespräch hat einen „schalen Nachgeschmack“. Es schien gut zu sein, war es im Nachhinein aber nicht mehr. Ich rede mit ihm, well ich etwas von ihm will; ich unterstelle ihm die gleiche Intention. Manchmal scheint ein Gespräch im Nachhinein oder auch schon im Geschehen klar verständlich, ein anderes Mai gar nicht. Es ist mir wichtig oder auch egal, ob der Andere mich schätzt oder nicht. Es kränkt mich, wenn der Andere mich angelogen hat. Mit einigen Menschen brauche ich das Gespräch, mit anderen will ich gar nicht reden. In offiziellen Situationen rede ich „unverbindlich“ und suche Differenzen zu vermeiden, betreibe small talk. Ich fühle mich geehrt, wenn jemand sozial Hochstehender mit mir spricht und gekränkt, wenn er mich übersieht.

Auf Signale der Ablehnung oder eines drohenden Kommunikationsabbruchs reagiere ich mit ganz bestimmten Kommunikationsformen, zugleich versuche ich selbst, solche Signale zu unterdrücken. Ich vermeide Unhöflichkeiten, versuche Gespräche am Laufen zu halten, spreche keine direkten Ablehnungen aus, äußere nicht öffentliche Kritik, solange ich keinen Kommunikationsabbruch riskieren will. Ich sage nicht, was ich eigentlich meine, weil ich den Anderen nicht kränken oder verletzen will. Kränkungen treffen mich, ihnen will ich mich entziehen, ich drohe mit Kommunikationsabbruch, werde laut, zeige Wut, Ärger, Trauer. Ich will diese Reaktion beim Anderen verhindern, er soll die Kommunikation nicht abbrechen. Ich ärgere mich, weil man nicht offen mit ihm reden kann, weil er so empfindlich oder auch so unempfindlich ist. Die Reaktionen des Anderen sind mir nicht gleichgültig. Sie sind mir dann aber scheinbar gleichgültig, wenn ich zuvor schon entschieden habe, dass er für mich keinen Nutzen hat, dass er stört, dass ich ohne ihn besser dran bin.

Erst wenn ich unter viel Druck stehe, wenn ich entschieden habe, dass der Andere ohne Bedeutung für mich ist, dass er mir nicht schaden kann, dann kann ich mir auch einen rüden oder subtilen Kommunikationsabbruch leisten. Ich ertrage den Anderen nicht, er stört oder belästigt mich, er bringt mir keinen Nutzen, hindert mich an anderen Kontakten usw. Daher verweigere ich mich per Telefon oder per E-Mail, ich übersehe ihn, wenn er mir zuwinkt, ich wechsle die Straßenseite, wenn er mir entgegenkommt, ich weiche seinem Kontakt suchenden Blick aus, wenn wir zufällig das gleiche soziale Ereignis besuchen. Wenn ich mit einem Anderen über einen Dritten rede, dann in keinem Fall, wenn dieser Dritte in unserer Nahe sitzt. Ich vermeide die öffentliche Bloßstellung, dass er sein „Gesicht verliert“, glaube, dass ich ihm das in keinem Fall direkt sagen kann, und kann doch letztlich nicht vermeiden, dass der Andere meine Vermeidungshaltung wahrnimmt und „versteht“.

Wenn ich gar nichts verstehe, in einem fernen Land mit ganz anderen Sitten oder auch mit schwer kranken psychiatrischen Patienten, bin ich irritiert, verunsichert, versuche, nichts falsch zu machen, den Anderen nicht aufzuregen oder wütend zu machen. Ich spüre das Dilemma, wenn ich das von einem sozial höher Gestellten denke, es vor ihm aber absolut verbergen muss. Das Sich-verstellen-Müssen nervt, oder ist Teil des großen Spiels mit- und gegeneinander. Wir verstehen einander nicht, sprechen dann verschiedene Sprachen. Das berühmteste Bild dafür ist wohl die „babylonische Sprachverwirrung“ (vgl. Gen, 11,1-9).’*

