Techniken zur Abwehr der Liebe: über die Abwehr der Besetzung zur Regulierung der primären Autonomie – Rainer Krause
Die Entwicklung der Abwehrlehre bis heute
In der Arbeit wird auf die unbefriedigende Kenntnisnahme neuerer Entwicklungen der Abwehrlehre, vor allem der in die Objektbeziehungen eingebunden Formen, die bei schweren Störungen überwiegen verwiesen. Davon ausgehend wird auf die Psychophysik dieser vor allem affektiven Austauschprozesse verwiesen. Wir unterscheiden zwischen der häufig intakten ja sogar hoch entwickelten Fremdwahrnehmung von Gefühlen bei anderen und dem introspektiven Chaos der Selbstwahrnehmung. Wir machen einige behandlungstechnische Vorschläge wie man diese Diskrepanz nutzen kann.
Die Abwehrlehre der Psychoanalyse galt einst als ihr Flaggschiff. Sie schien einerseits hautnah mit der Klinik verbunden, dadurch, dass die beobachtbare Symptomatik mehrheitlich durch sie geformt, wenn
nicht sogar gemacht werden. Andrerseits schien sie klinisch und empirisch gut bestätigt. Ich erinnere an die Arbeiten von Norma Haan, die zeigen konnte wie aus den stärksten Ichfunktionen,
Copingmechanismen und schließlich eben unter bestimmten Randbedingungen Abwehrmechanismen werden (Haan 1977) . Sie konnte zeigen wie sehr die Abwehr in die Ichfunktionen der Menschen eingebettet ist, und beispielsweise wenig intelligente Personen eben nicht Intellektualisieren, autistoide nicht zu Identifikationen neigen, auch nicht zu hysterischen.
Sie (die Abwehrlehre) schien, an der Schnittstelle von Theorie, Empirie und klinischer Praxis besonders geeignet die Psychoanalyse als Wissenschaft zu repräsentieren und hat sogar Eingang in das DSM IV, das man ja ansonsten nicht gerade als Psychoanalyse affin bezeichnen kann, gefunden.
Wenn man in der heutigen Praxis, Theoriebildung und Forschung in Bezug auf die Abwehrlehre fündig zu werden versucht, wird man feststellen, dass von der einstigen Herrlichkeit nicht viel geblieben ist.
Zwar werden in den Anträgen auf Psychotherapie pflichtgemäß Abwehrmechanismen genannt. Sie sind aber oft in keinem erkennbarem Zusammenhang mit dem beschriebenen zentralen Konflikt bzw. Strukturniveau , so dass man (als Gutachter, als Supervisor) oft damit konfrontiert wird, dass Abwehrtermini gebraucht werden, die bei den angedachten Konfliktkonstellationen und Strukturniveaus eigentlich gar nicht auftreten sollten. Sie werden lediglich zu einer atheoretischen Beschreibung des Funktionierens benutzt.

Ludwig von Hofmann – Abwehr – 1910
Gründe für den Niedergang
Dieser Niedergang mag viele Gründe haben, einer davon ist die Verflüchtigung der „Ichpsychologie“ unter dem Ansturm der frankophonen und kleinianischen Analytiker mit ihrem Fokus auf einer neuen Triebpsychologie die im Moment meinungsbildend ist . Ein anderer ist wohl darin zu finden, dass die Methodik der Erfassung von Abwehrmechanismen über Fragebögen letztendlich dem Gegenstand nicht gerecht wurde. Alternative Zugangsweisen über empirisch messbare Wahrnehmungsveränderungen, die sehr vielversprechend daherkamen, konnten sich nicht durchsetzen. (Gitzinger-Albrecht 1993).
Ich habe allerdings den Eindruck , dass die Ichpsychologie unter anderem Namen schon wieder dick im Geschäft ist, mit Konzepten wie Mentalisierung, die wie eine Ichfunktion daherkommt, und
Strukturdiagnosen á la OPD, die in Form gegossene meist fehlende Ichfunktionen beschreiben sollen.
An die Stelle des Ichs ist das Selbst getreten. Wie aber die Triebe mit der Konstituierung und Aufrechterhaltung des Selbst verbunden sind, ist keineswegs konsensuell gelöst. Beispielsweise kann man Borderlinestörungen mit gutem Recht auch als schwere Überichpathologien beschreiben, wie dies Wurmser (1987) getan hat. Wenn man dies tut, werden plötzlich Konzepte wie „Spaltung“
überflüssig.

It’s madness
to hate all roses
because you got scratched with one thorn
„Statt dass sie als „borderlines“ erklärt und unter dieser mehr oder weniger als Einheitskategorie aufgefassten Diagnose behandelt werden, sehe ich sie als schwere, aber voneinander klar
differenzierte Neurosen an , die sehr wohl der klassischen Methode zugänglich gemacht werden können, vorausgesetzt dass… : (Wurmser 1987 , 26)
Es folgt nun eine Reihe von behandlungstechnischen Änderungen , die darum zentriert sind , dass man sich davor in Acht nehmen solle , in die Rolle der Autorität versetzt und damit gezwungen zu werden, die Funktion eines äußeren Überichs, namentlich also einer wirklichen Gewissensfigur zu übernehmen. Eben dies legen bestimmte Behandlungstechniken wie die TFP nahe. Ähnlich scheint der behandlungstechnische Zugriff Fairbairns auf diese Personengruppe eigentlich mit den gängigen Behandlungstechniken nicht vereinbar. (Celani 2010, Scharff & Fairbairn 1997)
Theoretische und behandlungstechnische Weiterentwicklungen
Eine theoretische Weiterentwicklung der Abwehrtheorie die solche Probleme aufgreifen würde hat es, mit einer Ausnahme nicht gegeben. Ulrich Moser hat 2009 eine „Theorie der Abwehrprozesse –
die mentale Organisation psychischer Störungen“ veröffentlicht, die, so der Klappentext, in
erstaunlicher Weise direkt das Denken des Psychoanalytikers in eine moderne Theorie psychischer
Störungen umsetze. Die Unterscheidung von repräsentationalen,situativen und wahnhaften Niveaus
der Regulierung erlaube auch frühe Störungen, Boderlinesyndrome , Depressionen und psychotische
Zustände einzuordnen. Er beschreibt unter anderem Abwehrformen, die unmittelbar in die
Objektbeziehung eingebettet seien (Object related embedded defenses). Sie dienten zunächst der
Abwehr eines in einer Beziehungssituation entstandenen unerträglichen Affektes, der mit einer
chaotischen Erregung verbunden ist. Die Strategien die zur Anwendung kommen seien sehr
differenziert und unterschiedlich, und würden häufig unter dem Oberbegriff Desaffektualisierung
eingeordnet. Vom diagnostischen Standpunkt seien die objektbeziehungsgebundene Abwehr in den
Syndromen der frühen Störungen, der strukturellen Störungen, der präödipalen Neurosen, der
Borderline Störungen zu finden. Kurzfristig könnten aber diese Abwehrformationen bei allen
Menschen auftreten, allerdings ohne chronisch zu werden

Max Ernst Der Hausengel (erste Fassung), 1937
Max Ernst äußerte sich später zu dem Gemälde, das in zwei Fassungen existiert: »Das ist […] eine Art Trampeltier, das alles, was ihm in den Weg kommt, zerstört und vernichtet. Das war mein damaliger Eindruck von dem, was in der Welt wohl vor sich gehen würde, und ich habe damit recht gehabt.«
There’s nothing you can do that can’t be done
Nothing you can sing that can’t be sung
Nothing you can say, but you can learn
How to play the game
Nothing you can know that isn’t known
Nothing you can see that isn’t shown
There’s nowhere you can be that isn’t where
You’re meant to be
All you need is love
All you need is love
Wenn diese Abwehr nicht erfolgreich ist und die Objektbeziehungen nicht abgebrochen würden,
was ein möglicher Ausgang wäre, muss das emotionale Envolvement oder in der klassischen Sprache
die affektive Besetzung des Objektes für die nächste Beziehungssituation reduziert werden. Früher
nannte man diesen Vorgang „ Cathexis Reduction“. Das Konzept hat Generationen von
psychoanalytischen Forschern geprägt, zum Beispiel David Rapaport (1951). Beispiel für einen solchen
Vorgang der Besetzungsregulation bei aufrechterhaltener Beziehung sei die „Projektive
Identifizierung“. Die wollen wir uns für unsere Analyse ein wenig genauer ansehen:
