Rainer Krause: Seinsformen des Menschen XI

Otto Dix (1891 –1969) - Half-nude, 1926.
6.  Neuinterpretation der Reduktion der affektiven Zeichen als Abwehr des Affekts des Anderen

Vor diesem Hintergrund scheint es mir zwingend anzunehmen, dass die körperlichen Anteile der Abwehr gar nicht nur dem eigenen Affekt gelten, sondern auch dem des Anderen, und zwar als Auslöser für den Verlust der eigenen Intentionalität. Der Patient durchschneidet die Verbindung, weil deren Zulassung bedeuten würde, dass die Herrschaft von einem Alien übernommen würde.

Von welchem Alien wird die Herrschaft übernommen?

Moser, von Zeppelin & Schneider (1969) folgend kann man ein elementares biologisches Streben annehmen, die Wertschätzung durch ein Objekt, das für einen wichtig ist, auf möglichst hohem
Niveau zu erhalten. Liebende wollen vom Objekt ihrer Liebe geliebt
werden. Dies gilt bereits für die frühen Mutter-Kind-Dyaden und bleibt als Grundprinzip narzisstischer Regulierungen das ganze Leben erhalten.
Wenn diese Erfahrung (also geliebt zu werden) auf der Verhaltensebene z. B. durch den Verzicht auf den Freudeaffekt nicht gemacht werden kann, besteht die Möglichkeit, dass die Bedeutsamkeit, also die Besetzung des Objektes künstlich reduziert wird, womit zugleich die primäre Autonomie künstlich erhöht wird. Die Person kann nun vieles machen, vor allem auch Triebbefriedigungen suchen, allerdings um den Preis des Verlustes
der Wertschätzung und der Freude und mit der Folge einer hintergründigen Einsamkeit und Überforderung.

Die Besetzung des Objektes kann nur so hoch sein, wie es die Aufrechterhaltung der primären Autonomie erlaubt. Um die gefühlte Abhängigkeit vom Objekt zu verringern, wird das Objekt entwertet und beispielsweise deanimiert. Umgekehrt ist der
narzisstische Gewinn einer Handlung umso höher, je höher die Wertschätzung ist, die dieses Objekt für die handelnde und erlebende Person hat. Je höher also die Besetzungsintensität, desto höher ist der Gewinn durch die vom Objekt stammende Wertschätzung und Liebe, aber auch die Angst vor dem Verlust des Objekts und die potentielle Bedrohung der primären Autonomie durch zu hohe Abhängigkeit von ebendiesem Objekt.

Was die narzisstische Regulierung betrifft, gibt es eine grundlegende Tendenz, Interaktionen und Handlungen bei maximaler Besetzung durchzuführen. Die höchstmögliche Besetzung des Objekts bestimmt sich je nach der Einschätzung der Person, ob und in welchem Maß das Objekt ihre primäre Autonomie gewährleistet bzw. bedroht. Bindungen an und Besetzungen von Objekten, die in der Phantasie die primäre narzisstische
Autonomie gefährden, sind nur unter Verwendung ebendieser Abwehrformationen möglich.

7.  Neuinterpretation der affektiv-perzeptiven Fähigkeiten von
Patienten mit niedrigem Strukturniveau und behandlungstechnische
Implikationen

Unter der Voraussetzung, dass die Desaffektualisierung im Sinne des Verschwindens des Affektes im Ausdruck keine der Struktur geschuldete, die ganze Person erfassende Eigenschaft ist, sondern eine sehr nachhaltige Form einer präventiven Abwehr, scheinen mir die folgenden Gedanken naheliegend:

Es gibt viele Hinweise darauf, dass zumindest einige der Personen, die Desaffektualisierung als Abwehr benutzen, emotionale Zeichen ihrer Partner sehr viel präziser verstehen als der Durchschnittszeitgenosse. Schizophrene beispielsweise sind in der Unterscheidung, ob ein Affekt simuliert oder echt ist, den Gesunden bei weitem überlegen (Steimer-Krause 1996).
Hochdissoziative Personen mit einem Hintergrund an Traumatisierungen sind den »Gesunden« im Erkennen von traumatisch relevantem Wahrnehmungsmaterial um Längen voraus. Die Gesunden pflegen eine sehr intensive Wahrnehmungsabwehr (Blumenstock 2004). D. h., es gibt sogar eine hyperaufmerksame Einstellung gegenüber fremden affektiven optischen Reizen. Wenn es denn Fehler gibt, dann in der unzureichenden Gewichtung positiver affektiver Zeichen.

Wenn sich demnach die niedrige Reflexivität nur auf das attribuierte
Innenleben bezieht, könnte das wiederum bedeuten, dass die Personen in einer Situation mit niedriger Besetzung optisch ausgedrückte Affekte sehr wohl wahrnehmen und identifizieren können. Die Forschungsgruppe um Bertrand Cramer aus Genf hat ebendies zur Grundlage ihrer Vorgehensweise der Mutter-Kind-Behandlungen gemacht (Cramer & Palacio-Espasa
2009). Ein psychodynamisch gesteuertes Videofeedback des mütterlichen affektiven Verhaltens gegenüber dem Kind hat in wenigen Stunden zu massiven Veränderungen geführt, die begleitet waren von der unmittelbaren Erkenntnis der Mütter, dass ihr eigenes Verhalten, das sie per Video sehen konnten, in keiner Weise dem Verhalten des Kindes angemessen war. Ich verstehe diese plötzliche Fähigkeit nicht als Neuerwerbung der introspektiven Qualitäten, die ja bis dahin fehlten, sondern als Rückgriff auf durchaus vorhandene Skills, die aus Abwehrgründen nicht zum Einsatz kamen. Die Abwehr wäre gegen die Induktion des negativen Affektes
bei sich selbst durch das Kind gerichtet.
In einer »Offline-Situation« – nämlich im Video mit niedriger Besetzung – kann diese Fähigkeit wahrscheinlich recht schnell »gelernt« werden, und man benötigt den Umweg über die chaotische Innenwelt zumindest für den Anfang nicht. Ob sich die Fähigkeit bei hoher Besetzung halten lässt, müsste man sehen. In seiner neuesten Arbeit unterscheidet Moser (2016) zwischen dem Monitorieren eines Affektes, der von außen kommt und dekodiert wird, und der Weiterleitung der Information in das innere Verarbeitungssystem mit transformatorischem inneren Denken. Patienten mit schweren Störungen könnten in beschränktem Ausmaß das Außen relativ gut monitorieren, weil die Abwehr sich erst auf die innere Regulierung erstreckt. Man denke an die enormen manipulativen Fähigkeiten mancher Patienten mit sogenannten frühen Störungen. Das habe aber keinerlei Konsequenzen für eine Veränderung des transformatorischen inneren Denkens. Dies bleibt jedoch vorerst eine Behauptung.

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