Rainer Krause: Seinsformen des Menschen X

You raise the blade You make the change You rearrange me 'til I′m sane

And if the dam breaks open many years too soon
And if there is no room upon the hill
And if your head explodes with dark forebodings too
I′ll see you on the dark side of the moon

The lunatic is in my head
The lunatic is in my head
You raise the blade
You make the change
You rearrange me ‚til I′m sane
You lock the door
And throw away the key
There’s someone in my head, but it’s not me

And if the cloud bursts thunder in your ear
You shout and no one seems to hear

5.  Psychoanalytische Konzepte, die sich mit toxischen Affekten
beschäftigen

Ausgehend von diesen Überlegungen und Erfahrungen habe ich nach psychoanalytischen Konzepten gesucht, die dieses Geschehen angemessen beschreiben könnten.

5.1. Mosers »object-related embedded defenses«

Moser (2009) unterscheidet in seiner Theorie der Abwehrprozesse repräsentationale, situative und wahnhafte Niveaus der Regulierung. Er beschreibt situative Abwehrformen, die unmittelbar in die Objektbeziehung eingebettet sind (object-related defenses). Sie dienen zunächst der Abwehr eines in einer Beziehungssituation entstandenen unerträglichen Affektes, der mit einer chaotischen Erregung verbunden ist. Die Strategien, die zur Anwendung kommen, sind sehr differenziert und unterschiedlich und werden häufig unter dem Oberbegriff Desaffektualisierung eingeordnet.
Vom diagnostischen Standpunkt ist die objektbeziehungsgebundene Abwehr in den Syndromen der frühen Störungen, der strukturellen Störungen, der präödipalen Neurosen, der Borderline-Störungen zu finden.
Kurzfristig können diese Abwehrformationen bei allen Menschen auftreten, allerdings ohne chronisch zu werden.

Was ist neu an der vorliegenden Theorie der Abwehrprozesse? Sie macht deutlich, dass Abwehren als affektiv-kognitive Regulierungen zu verstehen sind, die sich im Laufe der Entwicklung in jedem Individuum zu spezifischen Prozeduren entwickelt haben. Zusammen bilden sie eine Abwehrorganisation. Das Modell4 ist aus der »information processing per spective« heraus formuliert. Im Kommentar 1 wird diese Perspektive näher erläutert. Es enthält eine Reihe von Modulen der Regulierung, die parallel prozessieren. Eine zentrale Einheit bilden die »Wünsche«. Sind sie kon f liktiv, werden sie von den Modulen der Abwehr monitoriert und verändert. Wünsche haben die kognitive Struktur von SubjektObjekt Interaktionen. Was ferner das Modell neuartig macht, ist die Unterscheidung von situationalen und repräsentationalen mentalen Niveaus, die mithilft, die »frühen Störungen« genau zu beschreiben und vom Gesichtspunkt der affektivkognitiven Regulierung in die bisherigen Theorien über neurotische und psychotische Störungen einzuordnen. Die Übergänge von intrapsychischen zu interaktiven Konflikten sind genau fassbar. Defensive Prozesse erzeugen gestörte Mikrowelten (Beziehungswelten). Zustände des Rückzugs (Steiner 1993), Widerstände gegen eine Veränderung sind die Folge.

Wenn diese Abwehr nicht ausreicht und die Objektbeziehungen nicht
abgebrochen werden, was ein möglicher Ausgang wäre, muss das emotionale Involvement oder, in der klassischen Sprache, die Besetzung des Objektes für die nächste Beziehungssituation reduziert werden. Früher nannte man den Vorgang »reduction of cathexis«. Das Konzept, das klinisch sehr nützlich ist, hat seine Wurzeln in der Neurophysiologie, in der Form von tatsächlichen Ladungen sowie in einem phänomenologisch-begrifflichen Bedeutungsfeld von Intentionalität und Wertschätzung des
Objekts. In den französischen Übersetzungen seiner Arbeiten verwendet Moser tatsächlich den Begriff »Affektwert« (valeur affective) anstelle des deutschen Begriffs »Besetzung«. Auch wenn das Konzept der Besetzung und vor allem der Besetzungsabwehr heute nicht mehr en vogue ist, hat es doch Generationen von psychoanalytischen Forschern geprägt, zum Beispiel David Rapaport (1951).

5.2. Bions Beta-Elemente

Man kann unsere empirischen Befunde mit den grundlagenorientierten Theorien Bions über das Lernen durch Erfahrung zu verstehen versuchen. Bion hat ein komplexes Notations- und Formelsystem für die kurative Bedeutung von wiederholten Paarungen von Präkonzeptionen oder Erwartungen mit geeigneten Realisierungen durch den Therapeuten entwickelt. Diese Paarungen sind vom Ersetzen einer Emotion durch eine andere begleitet. Der Therapeut als »Behälter« hat die Fähigkeit, in situ Emotionen des Patienten zu verwandeln (Krejci 2015; Bion 1990 [1962]). Im Rahmen des sozialkonstruktivistischen Verständnisses von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen betrachten wir den psychoanalytischen Prozess in wesentlichen Teilen als einen unbewussten Lernvorgang, der zu einer verbesserten Fähigkeit führt, mit den Emotionen, die die Kernbeziehungsthemata begleiten, umzugehen. Dieser Teil des analytischen
Prozesses ist im weitesten Sinne erzieherisch, weil die Paarungen von Präkonzeptionen des Patienten und »entgiftenden« Handlungen und Emotionen des Therapeuten, wie bei allen Extinktionsvorgängen, sehr häufig getätigt werden müssen, ehe die Präkonzeptionen als gelöscht gelten können. Dass die Aktivität des Analytikers in der expressiven Abstinenz besteht, ist die Grundlage der Extinktion. Die motorischen affektiven Innervationen der Patienten ohne introspektives Korrelat in ihrem Inneren kann man als Beta-Elemente im Sinne von Bion verstehen. Sie lösen im Analytiker innerliche Prozesse aus, die es ihm ermöglichen, sie dem Patienten in verträglicher Form zurückzugeben und damit die Beta-Elemente
zuerst auf der dyadischen Ebene und dann im Denken verhandlungsfähig zu machen (Krause 2016b).

5.3. Greens Desobjektalisierung

Unter dem Stichwort Desobjektalisierung, manchmal auch De-Objektalisierung findet man bei Green (2002) einen ähnlichen Zugriff. Sie stellt eine unterschiedlich gut beherrschte Funktion des psychischen Apparates dar, die in einer Art von negativem Narzissmus versucht, Formen der Objektbesetzung, der Bindung, der Objekthaftigkeit und der mentalen symbolisierten Repräsentation zu verunmöglichen oder gar anzugreifen (Dammann 2014). Green zufolge gehört sie zur Arbeit des Negativen, in dessen Rahmen nicht die existenten lebendigen Objekte besetzt werden, sondern die nicht existenten, die Leere, wobei die Frage, ob es sich um den Abzug der Besetzung von einem inneren oder äußeren Objekt handelt, deshalb nicht beantwortet werden kann, weil die Abwehrformation zu
einem Entwicklungszeitpunkt entstanden ist, in dem die Trennung zwischen Subjekt und Objekt noch nicht möglich war. Wenn es aber keine Subjekt-Objekt-Trennung gibt, hat der Affektausdruck des Anderen unmittelbar Zugang zum wahrnehmenden Subjekt, ohne dass es ein psychisches Puffersystem von Phantasien gäbe, das es erlauben würde, dem Anderen eigene, vom wahrnehmenden Patienten unabhängige Intentionen zuzuordnen.

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