8. Metapsychologische Betrachtungen zu einer Neufassung des Vorgangs der Spaltung
Aufgrund meiner klinischen Erfahrungen als Leiter von mehreren Hochschulambulanzen, die bis 1973 zurückgehen, erscheint es mir einfacher, Persönlichkeitsstörungen nicht wie in den gängigen Konzepten um Spaltung herum zu konzeptualisieren, sondern sie als einen Wechsel von Subidentitäten zu begreifen. Ein solcher Wechsel ist vor allem dann zu beobachten, wenn es gelingt, den das Interaktionsengramm tragenden Affekt auszutauschen wie im ersten Fallbeispiel, bei dem sich innerhalb einer Stunde die schwere Panikbefindlichkeit in Verachtung und Vernichtungswillen änderte. Dieser Wechsel der Subidentität vollzog sich bei der
Patientin durch die Wahrnehmung, dass sie in diesem Zustand keine Hilfe war, was die Identifikation mit der aggressiven Mutter in Gang setzte.
Nach meinem Verständnis beruhen sogenannte Spaltungen auf einer
Art von Körpertechnik, die dazu dient, die gefürchteten Affekte gar nicht entstehen zu lassen. Wenn sie dann doch aufkommen, wird der in Wartestellung befindliche dazugehörige Persönlichkeitsteil sofort aktiv. Man könnte sich das als eine Art von reversibler Reaktionsbildung denken, die man durch die Mobilisierung des der Reaktionsbildung widersprechenden Affektes auflösen kann. Es gibt eine Reihe von gut untersuchten Kulturtechniken, die solche Reaktionsbildungen, die schon Wilhelm Reich (1973 [1933]) thematisiert hat, stützen. Diese Personen sind zeit ihres Lebens bemüht, den gefürchteten komplementären Affekt zu vermeiden. Klinisch-diagnostisch ist das Modell einer schweren Charakterneurose im Allgemeinen hilfreicher als das einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Der wirkmächtigste Auslöser für den zu kontrollierenden eigenen Affekt ist der Affekt des Anderen. Im zweiten Teil meiner Arbeit werde ich mich mit den empirischen und klinischen Befunden zur Handhabung und Kontrolle des Affektes der Anderen beschäftigen und behandlungstechnische Möglichkeiten beschreiben.
