Rainer Krause: Seinsformen des Menschen III

Maria Lassnig, 3 Arten zu sein, 2004, Ursula Hauser Collection, Schweiz
5.1. Ein Angst-Wut-Script

Die Episode, die ich beschreibe, ereignete sich in der 80. Stunde einer dreistündigen psychoanalytischen Psychotherapie. Frau A. hatte bereits eine 80-stündige tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie hinter sich, die sie aber als wenig hilfreich empfunden hat. Der Behandler habe ihr sehr merkwürdige Selbstheilungsmittel, unter anderem halluzinogene Pilze, gegen ihre
Ängste empfohlen und sie im Laufe eines Jahres zehnmal vergessen. Sie habe jedoch nicht gehen können, »weil niemand sonst mich haben wollte«. Zwei Jahre vor unserer Begegnung hatte sie im Zusammenhang mit einem Klinikaufenthalt wegen einer somatischen Verdachtsdiagnose eine Art andauernden Panikzustand entwickelt, der wahnhafte Elemente gegen die Ärzte enthielt, die zu Gewaltakten führten, sodass eine Hospitalisierung in einer psychiatrischen Klinik empfohlen wurde. Vor der Aufnahme machte sie in der Klinik
eine Ortsbegehung und war sicher, sie würde dort zugrunde gehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihr damaliger Therapeut den Wohnort gewechselt, und sie wurde bei mir vorstellig. Wir einigten uns auf eine dreistündige psychoanalytische Therapie, die zu Beginn recht wirksam schien. Nach über einem Dreivierteljahr konnte sie ihre Arbeit wieder aufnehmen. Allerdings musste ich von jeder ärztlich erscheinenden Diagnostik Abstand nehmen. In der 80. Stunde fand ich sie in folgendem Zustand vor:

Statt zu liegen lief sie im Behandlungsraum auf und ab. Ihre Hände hatten sich selbstständig gemacht, sie rangen miteinander, die Sprache war hochfrequent piepsend, die Atmung schnappend und schnell. Die Augenlider presste sie intensiv zusammen und versteckte das Gesicht immer wieder in den Händen; sie musste laufen, sich anlehnen, setzen und wieder laufen und dabei jeden Blickkontakt vermeiden.

Sie meinte, ihren Lebenspartner, der zur Diagnostik im Krankenhaus weilte, besuchen zu müssen. Weil sie aber selbst schwere Angstzustände im Umfeld von Ärzten erwartete, konnte sie nicht hingehen. Sie erlebte sich als nutzlos und verachtungswürdig, weil sie die Hilfe ihres Geliebten, die sie einstmals in umgekehrter Situation von ihm erfahren hatte, ihrerseits nicht geben könne.
Sie konnte nicht sehen, dass er keine Hilfe brauchte und sie, in Kenntnis ihrer Ängste, explizit gebeten hatte fernzubleiben. Nach einer Klarifikation, in der ich zusammenfasste, dass offensichtlich niemand sie in diesem Zustand brauchen könne, änderte sich der Panikaffekt schlagartig in Wut und Verachtung: »Ich hasse schwache, nutzlose Leute [wie mich].«

Maria Lassnig: Selbstportrait mit Schwein, 1975

Nun ging es ihr besser, aber sie hatte die Seiten gewechselt. Sie war nun mit der Verfolgerin (einem Mutterintrojekt) identifiziert. Dass dies eine andere Person ist, konnte man hören, sehen, spüren und riechen. Die Stimme wurde messerscharf, energiegeladen, sehr viel tiefer. Der Blickkontakt wurde wiederhergestellt, war stechend und intrusiv. Das Umschalten in den anderen Teil folgte dem Affektwechsel, den die Patientin letztendlich unter dem Einfluss der Identifikation mit dem Aggressor Therapeut/Mutterintrojekt selbst
herbeigeführt hat. In den darauffolgenden Stunden war das emotionale Wissen über das Geschehen in dieser Stunde verloren gegangen. Wenn ich es ansprach, war der Zugriff zumindest kognitiv möglich. Ähnliche Zustände traten noch mehrfach auf, die Kontexte wurden immer spezifischer. Ein intensiver Wunsch zu helfen war von der Gewissheit begleitet, sich die Krankheit des Anderen zuzuziehen, beispielsweise mittels einer optischen Infektion durch zu genaues Hinsehen. Die Patientin, ein Einzelkind, hatte sich von der Mutter, die das Kind als giftig und krankmachend erlebte, völlig zurückgezogen im Wissen, dass ein Bekanntwerden ihrer negativen Befindlichkeit wegen der Panik der Mutter zu einer massiven Verschlimmerung ihres Zustandes geführt hätte. Das Geschehen in der analytischen Sitzung verstehe ich als eine Wiederkehr des oben erwähnten »distress cry« im Gegenwartsunbewussten,
allerdings mit der Einschränkung, dass Babys keine Motorik zum Weglaufen benutzen können. Von der Propositionsstruktur her sind Wut und Angst identisch, sieht man von der unterschiedlichen Machtverteilung zwischen Subjekt und Objekt ab. Ein Wechsel zwischen den Zuständen ist deshalb einfach, wenn die Machtverhältnisse sich ändern. Dies ist durch die Identifikation
mit dem Täter möglich geworden.

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