Kernberg – Narzissmus, Aggression und Selbstzerstörung

Feinmechanik der Persönlichkeitsstörungen – In seinem neuen Buch zeigt Otto F. Kernberg, wie Narzissmus und Borderline verbunden sind.

Psychoanalytiker Otto F. Kernberg diskutiert im neuen Buch „Narzissmus, Aggression und Selbstzerstörung“ ein weit verbreitetes Phänomen: Narzissmus gehört zur Gesellschaft.

Im neuen Kernberg geht es aber nicht nur um Menschen, die ein „Größen-Selbst“ aufgebaut haben, das sie nach Bewunderung lechzen lässt. Vielmehr entwickelt der in Österreich geborene und in die USA emigrierte Autor eine „unified theory“ der Persönlichkeitsstörungen.

Kernberg zeigt, dass Narzissmus und Borderline nur verschiedene Ausprägungen einer „Krankheitslinie“ sind, die um Aggression angesiedelt ist: Grundgrößen jedes Menschen sind Temperament und Charakter. Das Temperament gibt die emotionale Intensität vor, mit der wir auf Umweltreize reagieren, während der Charakter von „Objektbeziehungen“ bestimmt wird: von Konzepten, die man in Hinblick auf sich selbst und andere wichtige Bezugspersonen hat, die aber weniger intellektuelle als viel mehr emotionale Konzepte sind.

Wie diese Objektbeziehungen oder Konzepte aussehen, hängt also davon ab, welcher Trieb dominiert: Weil Objektbeziehungen emotional sind, realisiert und strukturiert sich in ihnen auch das Triebgeschehen, das laut Kernberg zweigeteilt ist. Auf der einen Seite existiert die Libido, deren „Basisaffekt“ die sexuelle Erregung ist, um die sich ein Gefüge positiver Affekte organisiert, welches dann die Libido ausmacht. Auf der anderen Seite organisiert sich um den Basisaffekt der Wut ein System zerstörerischer Emotionen – der Aggressionstrieb.

Dominiert dieser, werden wegen der Verwobenheit von Trieb und Objektbeziehung auch die Konzepte, die man für sich und Bezugspersonen hat, von Aggression bestimmt. Was zur Folge hat, dass es diesem Menschen schwer fällt, Konzepte wichtiger Bezugspersonen zu entwickeln, in denen diese gut und böse zugleich sind: Ist die Aggression überschießend, werden der Bezugsperson so fundamental negative Anteile zugeschrieben, dass dem Menschen nichts anderes übrig bleibt, als diese abzuspalten. Die Welt zerfällt in „gute, liebende“ und „böse, verfolgende“ Objekte. Das kennzeichnet gleichermaßen Menschen mit Borderline- und narzisstischer Persönlichkeitsorganisation.

Ob mehr Borderline oder Narzissmus hängt davon ab, wie ausgeprägt die Aggression ist. Und auch davon, wie intakt das Über-Ich ist; also davon, ob die inneren Repräsentanten der Objekte gute wie böse Anteile haben oder nur von aggressiven Komponenten bestimmt werden.Ist Letzteres der Fall und folglich das Über-Ich gnadenlos und sadistisch, kann das in Kombination mit von Aggressionen gekennzeichneten Objektbeziehungen eine fatale Mischung ergeben: Ein Mensch wird zu obsessiv-zwanghaftem Verhalten neigen, während jemand, der mit heftigen aggressiven Affekten zu kämpfen hat, aber ein intaktes Über-Ich aufweist, in Richtung Borderline gehen wird. Der Narzisst schließlich hat lediglich ein rudimentäres, verarmtes Über-Ich ausgebildet, was in Zusammenspiel mit seiner aggressionsbedingten Abspaltung aller negativen Objekt- und Selbstkonzepte ein „grandioses Selbst“(bild) entstehen lässt, das von aller Welt bewundert sein möchte.

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