Ein Tragling

Mich wundert es nicht, dass die älteste Jesus-Darstellung damit zu tun hat. In der in Rom auf einem Fresko aus dem 3. Jahrhundert. Da trägt Jesus ein Schaf auf seinen Schultern. Der gute Hirte. Natürlich ist das ein mit Bedeutung überladenes Symbolbild. David, Mose, das Hirtenamt ist tief verankert in der Kulturgeschichte Israels. Es ist ein göttliches Amt:  der Inbegriff von Fürsorge, der gute Hirte führt die Schafe nicht in die Irre.  Und sie erkennen ihn an seiner Stimme. Die starke emotionale Wirkung hat dieses Bild aber, weil es sich mit unseren Urerfahrungen des Getragenwerdens vermischt. Und auch mit unseren Ursehnsüchten danach.  Ich staune immer wieder, wie lange sich das schon in religiösen Kulten abbildet. Lange vor dem Christentum!

Ein jeder trage des anderen Last (Galater 5,25-6,10)

Menschen sind Traglinge – „Einer trage des andern Last“

Unser Leben beginnt damit, dass wir getragen werden als Babys– von Mutter, Vater, Tanten und Verwandten. Von Hebammen. Es ist überlebensnotwendig, dass ein Mensch den anderen trägt.

Wenn ich dem Apostel Paulus zuhöre, der diesen Satz der Gemeinde in Galatien schreibt, steckt noch viel mehr drin. Es geht schon ums Tragen. Allerdings nicht nur zwischen Starken und Schwachen.

Wenn wir durch die Geistkraft leben, wollen wir auch durch die Geistkraft handeln. Lasst uns nicht eitlen Rangkämpfen frönen, indem wir miteinander konkurrieren und gegeneinander missgünstig sind.
Brüder und Schwestern, wenn jemand mit irgendeiner Verfehlung dingfest gemacht wird, so sollt ihr, die ihr geistlich seid, diese Person wieder zurechtbringen im Geiste der Bescheidenheit. Und gib Acht, dass du nicht auch selbst in Versuchung gerätst. Tragt einander eure Lasten und erfüllt so das Gesetz des Messias. Die sich aber einbilden etwas zu sein, und sind doch nichts, betrügen sich selbst. Alle sollen das eigene Tun kritisch prüfen, dann werden sie allein im Blick auf sich selbst Ruhm gewinnen, anstatt im Blick auf das Tun der anderen. Denn alle werden ihre eigene Bürde zu tragen haben.  (Gal 5,25-6,5) 

Schattenseiten des Lastentragens

Und jetzt müssen wir über die Schattenseiten dieses Satzes reden. Denn der schönste Satz, die schönste Maxime kann sich ins Gegenteil verkehren. Über so manchem Leben steht als Motto „Einer trage des anderen Last“ und dahinter verbirgt sich eine tragische Geschichte. Wie leicht kann ich mich dabei selbst aufgeben, verlieren. Aus meinem Zentrum rutschen. Oder verleitet mich dieses Gesetz Christi dazu, um mich selbst zu kreisen mit der Frage: tue ich auch genug für andere? Und dann gibt es da noch die Variante des Helfens, um Macht auszuüben. Bevormunden und Lösungen parat haben, die der andere gar nicht braucht. Ich trage deine Lasten, aber nach meinen Vorgaben. 

Wenn ich mir vorstelle, buchstäblich die Last eines anderen Menschen zu tragen, kann ich darunter nur/auch zusammenbrechen. Erst recht als Kind. „Einer trage des anderen Last“ – das ist ein harter Satz, wenn Kinder damit belastet werden. Sie leben und verinnerlichen dieses Gesetz, ohne es wortwörtlich zu kennen. Und ohne darum gebeten worden zu sein. Sie hatten keine Wahl. Michel Friedman, der bekannte Publizist und Fernsehmoderator, hat seine Lebensgeschichte in einem Interview erzählt. Er ist das Kind von zwei Holocaustüberlebenden, die hier in Deutschland, in der Heimat aus der sie brutal verstoßen worden waren, ein neues Leben angefangen haben. und man muss sagen: gewagt haben.

Du bist unser Lebenssinn! Es hat sich gelohnt, dass wir überleben, weil es dich gibt. Das war ihre Liebeserklärung an ihren Sohn, der geliebt, verwöhnt, über Gebühr mit Fürsorge überschüttet wurde. Du bist unser Lebenssinn.

Das ist eine Last, die kein Kind tragen kann und doch müssen es so viele. Michel Friedman hat bis zu dem Zeitpunkt, als seine Eltern starben, kurz nacheinander, da war der Sohn Mitte vierzig – bis zu diesem Zeitpunkt hat es irgendwie funktioniert, damit zu leben. Dann bricht er zusammen. Drogenexzesse und der ganze Skandal, wird medial ausgeschlachtet. Michel Friedman bricht zusammen, weil der Lebenssinn, sein eigener, plötzlich nicht mehr gegeben ist. Die Eltern sind tot. Wozu soll es ihn noch geben? Er bewirbt sich heute jeden Tag beim Leben, sagt er. Es möge ihn aufnehmen, annehmen, durchtragen. 

Wenn Kinder alles tun, um die Starre, die Verzweiflung, die Traurigkeit aus dem Gesicht und den Bewegungen ihrer Mutter oder ihres Vaters wenigstens für einen Moment verschwinden zu lassen. Und im Verborgenen auch noch glauben, es sei ihre Schuld, sie hätten etwas falsch gemacht oder seien eben nicht liebenswert! Das ganze Leben der Last der Mutter oder des Vaters widmen. Und als Erwachsene sich fragen: und wer bin ich, wenn ich mich davon löse? Gibt es mich überhaupt ohne dieses Band, das mich fesselt?  Berührende, zarte Befreiungswege fangen so an. Zu sich selbst. Zur eigenen Mitte zurück. In die eigene Haut, ins eigene Herz. Es gibt mich, ohne weil, ohne warum, ohne wozu. 

Lebensordnung des Vertrauens

Es gibt noch einen wichtigen Satz bei Paulus, der meistens untergeht: „Alle werden ihre eigene Bürde zu tragen haben“.

Alle werden ihre eigene Bürde zu tragen haben.

Das führt mich ins eigene Zentrum. Und es ist eine Tatsache, an der ich nicht vorbeikomme. Meine eigene Bürde spüre ich und ich muss sie tragen. Aber vielleicht haben Sie das auch schon an sich selbst beobachtet: ein ganz großer Teil der eigenen Energie geht dahin, die Bürde wegzuschieben, sie zu umgehen, sie zu verdrängen. Das Ich will keinen Schmerz. Das Ich will es leicht und bequem. Und es (?) will herrschen und bewundert werden. Ich glaube, bevor ich irgendwie die Lasten anderer trage, muss ich mich zu den eigenen verhalten.

Mich begleitet seit einiger Zeit ein Morgengebet, das Richard Rohr, ein geistlicher Lehrer unserer Zeit, in Vorträgen weitergegeben hat. Das Willkommensgebet. 

Willkommen, willkommen, willkommen.
Ich heiße alles willkommen, was mir heute begegnet, weil ich weiß, dass es meiner Heilung dient. 
Ich heiße alle Gedanken, Gefühle, Emotionen, Personen, Situationen und Bedingungen willkommen.
Ich lasse meinen Drang nach Macht und Kontrolle los.
Ich lasse mein Verlangen nach Beifall, Wertschätzung, Bestätigung und Vergnügen los.
Ich lasse meinen Drang nach Überleben und Sicherheit los.
Ich lasse meinen Drang los, irgendeine Situation, eine Bedingung, eine Person oder mich selbst zu ändern.
Ich öffne mich für Gottes Liebe und Präsenz und für Gottes Wirken in mir. Amen.

Für mich ist das eine Übung des Vertrauens. Das Ich wird nicht so ernst genommen. Und das ist eine große Befreiung, Erleichterung. Ja, die Bürde wird leichter. Ich stemme mich nicht mehr dagegen. Und sie wird leichter, weil ich selbst anders trage. Weil ich mich tragen lasse, ganz und gar. Vom Geheimnis. Von Christus. Von der Mutter des Lebens. Vom Vater des Lebens. Von Gott. / In meinem Zentrum wohnt eine spirituelle Kraft. Ich bin überzeugt davon: das hilft mir, ein Mensch zu sein, der dann auch andere Lasten tragen kann, nicht nur die eigenen. Auch das könnte dann leichter werden.

Menschen, die das so leben, haben auf mich eine große Anziehungskraft. Ich spüre förmlich, dass da etwas strömt und fließt, woran ich mich wärmen, woraus ich trinken kann. Paulus sagt:

Täuscht euch nicht, denn Gott ist kein Spielzeug. Was Menschen säen, werden sie ernten. Alle, die in ihre Selbstherrlichkeit hinein investieren, werden aus Selbstherrlichkeit Staub und Asche gewinnen. Die aber in die Geistkraft hinein säen, werden aus der Geistkraft ewig lebendiges Leben ernten. Lasst uns im Tun des Guten nicht müde werden, denn wenn die Zeit dafür kommt, werden wir ernten, sofern wir nicht vorher aufgeben. Solange wir also noch Zeit haben, wollen wir das Gute bewirken für alle Menschen, insbesondere für die, die in der Lebensordnung des Vertrauens Wohnung genommen haben. (Gal 6,7-10)

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