Das Wesentliche II

Eliot Weinberger DAS WESENTLICHE

Weihnachten – Zeit sich Gedanken über das Wesentliche zu machen.

Im Reich der Azteken stand die Welt alle zweiundfünfzig Jahre, einmal im Laufe eines Lebens, kurz vor dem Untergang. Die Sonne würde stehen bleiben, die Nacht würde ewig dauern, menschenfressende Dämonen würden herabkommen und die Erde beherrschen.

An jenem Tag wurden alle Feuer gelöscht, alle Fußböden gefegt. Alte Kleidung, die Götterbilder, die sich im Haus fanden, die Herdsteine, auf denen die Kochtöpfe standen, Matten, Stößel und Mahlsteine wurden in Seen und Flüsse geworfen. Schwangere bekamen Agavenmasken aufgesetzt und wurden in Kornkammern gesperrt; ging die Welt zu Ende, verwandelten sie sich in Ungeheuer.

Das Wesentliche ist einfach und konkret. Es ist beständig und in seiner Klarheit erhaben.

In jener Nacht kletterten alle frisch eingekleidet auf Terrassen und Dächer; niemand berührte den Boden. Kinder wurden gestoßen und bedroht, damit sie wach blieben; wer von ihnen einschlief, wachte als Maus wieder auf. In der Hauptstadt Tenochtitlan waren aller Augen zum Tempel auf dem Hügel des Sterns gerichtet. Dort beobachteten um Mitternacht die Priester die Sterne namens Tianquitzli, Marktplatz, unsere Plejaden, um festzustellen, ob sie den Meridian überschritten und so für weitere zweiundfünfzig Jahre das Leben sicherten.

Im Tempel lag ein Gefangener ohne körperliche Blessuren, mit einem Namen, der Türkis, Jahr, Feuer, Gras oder Komet bedeutete – Namen, die kostbare Zeit zum Ausdruck brachten –, auf einem flachen Stein ausgebreitet; auf seiner Brust lag ein Stück Holz. Überquerte die Sternenkonstellation Tianquitzli die Linie, begann ein Priester mit aller Kraft, seinen Feuerstock ins Holz zu bohren. Ein wenig Rauch, ein paar Funken, und hatte das Holz Feuer gefangen, wurde dem Gefangenen mit einem Messer aus Obsidian die Brust aufgeschlitzt, das Herz wurde herausgenommen und ins Feuer gelegt. Vier Bündel Holz aus jeweils dreizehn Scheiten wurden um den Gefangenen aufgeschichtet, damit ihn die Flammen verzehrten.

Wenn der brennende Scheiterhaufen zu sehen war, schlitzten die Menschen sich und ihren Kindern die Ohren auf und verspritzten Blut in Richtung der Flammen. Boten trugen Fackeln vom Hügel des Sterns zu den Haupttempeln, von dort zu den Palästen und von dort wiederum von Straße zu Straße, von Haus zu Haus, bis die Stadt in neuem Licht erstrahlte. Die ganze Nacht hindurch verteilten Staffelläufer das neue Feuer überall im ganzen Reich. Die Menschen warfen sich in die Flammen, um mit Brandwunden gesegnet zu sein.

Kinder, die in dieser Nacht geboren wurden, erhielten den Namen Neue Zeit. Am Morgen wurden neue Matten ausgebreitet, neue Herdsteine gesetzt, Weihrauch entzündet, und alle aßen in Honig getränkte Amaranthsamenkuchen. Wachteln wurden geköpft.

The lunatic is on the grass
The lunatic is on the grass
Remembering games and daisy chains and laughs
Got to keep the loonies on the path

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