Coolness

Besonders anschaulich wird die Coolness in der Fashion-Industrie, die der Kunst der inszenierten Pose und der Unnahbarkeit verschrieben ist.

Coolness ist eine Sehnsuchtseigenschaft: Alle wollen nur noch ihr Ding machen, souverän sein, weder Schwäche noch Verletzlichkeit zeigen.

Es wird wohl niemandem auch nur im Traum einfallen, Leonard Cohen als uncool zu bezeichnen. Doch dem 2016 verstorbenen Musiker wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Cool-Sein ist die neue Orthodoxie. Ich wusste nie, was das ist. Soweit ich das beurteilen kann, besteht Coolness darin, niemanden zu brauchen. Ich habe immer alle gebraucht, deshalb konnte ich nie cool sein.“

Die Mehrheit der Menschen dürfte das anders sehen. Coolness – die Fähigkeit, stets einen kühlen und distanzierten Eindruck zu erwecken, bloß nichts an sich heranzulassen und keine Schwäche, Betroffenheit oder gar Verletzlichkeit zu zeigen – ist eine bis in die hintersten Weltwinkel verbreitete Sehnsuchtseigenschaft. Diesen Sommer erlebt sie mal wieder eine Blütezeit.

Einen Peak erreichte der Hype, als das US-amerikanische „Journal of Experimental Psychology“ jüngst die Studie „Cool People“ veröffentlichte.

Das Ergebnis der von zahllosen Medien und Plattformen rauf- und runterzitierten Studie: Überall auf der Welt verstehen die Menschen heute dasselbe unter Coolness, nämlich die Kombination von sechs Eigenschaften: Extrovertiertheit. Hedonismus. Macht. Abenteuerlust. Offenheit. Unabhängigkeit.

Womit angedeutet sei: Coolness ist ein komplexes, ambivalentes Phänomen. Man ahnt instinktiv, was darunter zu verstehen ist. Zugleich erweist es sich als so griffig wie Schmierseife. Das macht es nur um so schillernder und attraktiver und führt dazu, dass ihm viele Aufsätze und Bücher gewidmet sind. 

Nach den Worten von André Schütte, Erziehungswissenschaftler an der Universität Siegen und mit Phänomen der Popkultur befasst, speist sich der Mythos des Coolseins vor allem aus zwei Elementen: Individualität und Autonomie. Beide, wie er sagt, „hervorragend kapitalisierbar“.

Coolness und Kapitalismus – das passt, wie sich seit den 1960er-Jahren erweist, als die Marketingabteilungen von Konzernen damit begannen, das souverän entscheidende Konsumenten-Individuum zu entdecken und in Kampagnen zu feiern, besonders anschaulich in der Fashion-Industrie, die der Kunst der inszenierten Pose und der Unnahbarkeit verschrieben ist. „Geht es um Coolness, dann geht es immer auch um Distinktion, um Abgrenzung. Und damit um Wettbewerb und Konkurrenz“, sagt André Schütte. Außerdem um das Verächtlichmachen derer, denen es nicht vergönnt ist, zum erlauchten Kreis der Coolen zu gehören.

Der böse Kern steckt der Coolness gleichsam in den Genen. Ihren Ursprung hat sie nämlich in der afroamerikanischen Kultur der 1920er-Jahre, die in den USA von Rassismus und Diskriminierung geprägt waren.

Um ihren Protest gegen die Verhältnisse auszudrücken, legten sich die Nachkommen der Sklaven eine demonstrativ kühle, regelrecht entemotionalisierte Haltung zu – die einzige Möglichkeit für sie, sich zu behaupten. Zugleich die Geburtsstunde von „Cool“, einer Kulturtechnik, deren Ursprung folglich politisch ist und von Widerstand erzählt. Darum hat Coolness bis heute diesen Beiklang von Negativität: Sie ist gegen etwas gerichtet, nie für etwas. Sie grenzt aus, hält auf Abstand.

Coolness ist ein Spaltpilz. Erziehungswissenschaftler Schütte mag darum allenfalls Jugendlichen zugestehen, sich am Coolsein zu orientieren. In dieser Lebensphase sei Abgrenzung wichtig, um sich über die eigene Identität Klarheit zu verschaffen. „Für Jugendliche kann es hilfreich sein und manchmal auch befreiend wirken, die Welt in cool und uncool zu teilen und sich dann in Richtung Coolness zu bewegen.“

Als Erziehungsziel taugt Coolness ihm zufolge jedoch nicht. „Erziehungsziele sind per se nicht cool, weil hier das Dagegensein nicht im Vordergrund steht. Vielmehr geht es darum zu lernen, aus guten Gründen für etwas zu sein. Für etwas einzustehen, vielleicht auch gemeinsam mit anderen. Das ist nicht cool, aber wichtig.“

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