Allan N. Schore

Allan Schore: The Right Brain and the Origin of Human Nature. W. W. Norton & Co, New York 2025, 464 Seiten, gebunden, ca. 44,00 Euro

Der Autor Allan Schore bietet mit seinem neuen Buch eine Kulmination von drei Jahrzehnten Pionierforschung zum Unbewussten und zur hirnorganischen Asymmetrie an. Sein Verdienst ist die Verbindung von moderner Neurowissenschaft, dem Unbewussten, der klinischen Psychoanalyse, der Bindungstheorie und Psychotherapie. Das breite Spektrum der Disziplinen teilt den gemeinsamen Grundsatz, dass der Anfang aller lebenden Systeme unauslöschlich die entscheidende Phase für jeden Aspekt des internen und externen Funktionierens über die gesamte Lebensspanne hinweg darstellt.

In der modernen Hirnforschung gilt als ausgemacht, dass drei Annahmen Freuds zutreffend sind: Das Unbewusste hat mehr Einfluss auf das Bewusste als umgekehrt, das Unbewusste entsteht zeitlich vor dem Bewussten, und das bewusste Ich hat wenig Einsicht in die Grundlagen seiner Wünsche und Handlungen. Freud ahnte, dass die Geheimnisse der Psyche in den Verschaltungen des Gehirns verschlüsselt sind und wie weit er mit seinen Ideen der Zeit vorauseilte, zeigt sein „Entwurf einer Psychologie“. Heute erlaubt der technologische Fortschritt tiefe Einsichten in hirnorganische Abläufe und in die Lateralitätsforschung. Dabei zeigt sich, dass mit Beginn der Befruchtung und über die ersten drei Lebensjahre die rechte emotionale und affektregulatorische Hirnhälfte ihren bedeutsamsten Wachstumsschub hat, und die linke – die verbale und kognitive – Hirnhälfte erst im dritten Lebensjahr einen deutlichen Entwicklungsverlauf nimmt. Die Reifung der rechten Hälfte ist erfahrungsabhängig.

Interdisziplinär führt Schore entwicklungsbiologische – bis hin zur Molekularbiologie – Beweise an, die mit erstaunlicher Genauigkeit belegen, dass durch affektregulierende Funktionen der Mutter ab der Befruchtung das kindliche Gehirn zu bestimmten Zeiten seiner epigenetischen Entwicklung regulierende Funktionen der Mutter internationalisiert und somit deren Struktur verinnerlicht. Die Entwicklung des frühen Unbewussten beginnt somit schon im Uterus und entwickelt sich nach der Geburt weiter. Das rechte Gehirn kann somit als das psychobiologische Substrat von Freuds Unbewussten bezeichnet werden. Das frühe Substrat der Anpassungsfähigkeit eines Menschen wird somit schon vor Geburt angelegt und schon zu dieser Zeit findet die wechselseitige Regulation zwischen dem physiologischen System des Säuglings und der Mutter über die Plazenta statt. Von größter Bedeutung sind die regulatorischen Prozesse zwischen Mutter und Säugling: das heißt die nonverbale und synchronisierte emotionale Kommunikation und Interaktion und vor allem die Regulation von negativen erlebten Zuständen des Säuglings, da dieser durch seine hirnorganische Unreife dazu noch gar nicht in der Lage ist. 

Schore überträgt diese notwendige Regulation auch auf die therapeutische Beziehung, wo es dem abgestimmten Therapeuten gelingen sollte, überfordernde Erregungssituationen im Rahmen der intersubjektiven Synchronisierung zu erfassen und zu mildern. Ein reinsprachlich linkshemisphärisches Vorgehen geleitet vom Primat des Denkens ohne rechtshemisphärische Empathie lässt Psychotherapie zu einem Training von Techniken verkommen und führt nicht zu Erweiterung von Beziehungs- und emotionaler Fähigkeit. Wenn in der evidenzbasierten Psychotherapie Forschung die Bedeutung des Relationalen nicht beachtet wird, liegt sie voll daneben. Die unbestritten beste Voraussetzung für die Wirksamkeit einer Therapie hängt von den interpersonellen Fähigkeiten des Therapeuten ab. Er realisiert aber auch mit Betroffenheit, dass linkshemisphärische kommunikative Strategien in vielen Teilen der Welt vorherrschend sind, die vulnerable Phase der frühen Kindheit trotz immensen Wissens unbeachtet bleibt, was auch den Hintergrund vieler – auch sozial und politisch – hoch problematischer Zustände erklärt.

Das vorliegende englische Buch gibt Einblick in das weite Forschungsfeld von Schore und vermittelt Einblick in diese komplexe Welt. Das Eindringen in diesen interdisziplinären Raum ist nicht einfach, doch eröffnet das Durcharbeiten neue Horizonte, gar neue Dimensionen. Es belegt nachvollziehbar, dass zentrale Konzepte der Psychoanalyse durch gegenwärtiges neurowissenschaftliches Wissen Bestätigung bekommen aber auch Modifikation erfahren müssen. Eva Rass

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