Affekttheorien

Es gibt ja "GfK", gewaltfreie Kommunikation. Und das hier klingt wie "GfB", gewaltfreier Beischlaf. Immer wenn mir eine Dame ankommt, und mir erzählt, wie gut doch GfK ist, und dass sie da gerade einen Fortbildungskurs gemacht hat, denke ich mir: "Mädchen, was du brauchst, ist keine Fortbildung in gewaltfreier Kommunikation, sondern eine in kommunikationsfreier Gewalt."

Psychoanalytische Affekttheorie(n) heute – eine historische Annäherung – Susanne Döll-Hentschker

Zusammenfassung

Der gegenwärtige Stand der psychoanalytischen
Affekttheorie(n) wird ausgehend von Freuds frühen Konzepten in seiner historischen Entwicklung anhand ausgewählter Theorien dargestellt. Dabei wird keine Vollständigkeit angestrebt, sondern das Aufzeigen eines Prozesses, in dem zunehmend Erkenntnisse auch anderer Disziplinen (Entwicklungspsychologie, Hirnforschung, Künstliche-Intelligenz-Forschung, Kognitionswissenschaften u.a.) in theoretische Konzeptualisierungen einbezogen werden.

Die Psychoanalyse hat sich seit ihren Anfängen intensiv
mit der Rolle und Bedeutung von Affekten befasst, dennoch gab es in den ersten Jahrzehnten kaum Versuche, eine eigenständige Affekttheorie2) zu formulieren. Affekte spielten eine wichtige Rolle in der Krankheitstheorie und in der psychoanalytischen฀Behandlung. Die Affektabwehr bildete gar den Ausgangspunkt der Psychoanalyse: Die Behandlung der Hysterie führte Freud im Rahmen seiner ersten Traumatheorie zur Formulierung des
„eingeklemmten Affekts“, dessen Freisetzung – anfangs noch mittels Hypnose – als wesentlich für die Heilung verstanden wurde. Mit der Entwicklung der Strukturtheorie und der zunehmenden Ausarbeitung der Triebtheorie und ihren Modifikationen gerieten die Affekte auf theoretischer Ebene in den Hintergrund. Ihr Verhältnis zu den Trieben ist bis heute unklar. In den 30er und verstärkt in den 50er Jahren (z.B. Brierley, 1951; Rapaport, 1953) begannen Versuche, eine eigenständige Theorie der Affekte zu formulieren, die sich in den letzten 30 Jahren verstärkt haben. Dennoch kommen verschiedene Autoren (z.B. Emde; Enke; Henseler) noch 1989 zu der Einschätzung, dass die Psychoanalyse bisher keine befriedigende und konsensfähige Theorie über das Wesen und die Funktion der Affekte entwickelt habe. Im Rahmen verschiedener theoretisch-klinischer Arbeiten gab und gibt es eine teils intensive Beschäftigung mit einzelnen Affekten und ihrer speziellen Rolle für bestimmte Krankheitsbilder. Zunehmend sind psychoanalytische Autoren daran interessiert, eine übergreifende Theorie zu entwickeln (z.B. Krause,1997, 1998; Moser & von Zeppelin,1996). Affekt-bzw. Emotionsregulierung sind in der Psychoanalyse vor allem durch die Säuglingsforschung und die Arbeiten von Daniel Stern (2000) sowie durch das Modell der Mentalisierung von Fonagy et al. (2004) prominent geworden.

Kommst du weiter? Auf jeden Fall!

Wichtig ist, immer weiterzukommen. Weiterzukommen, wie man bisher weitergekommen ist.

Zusammen sein, in der Gruppe. Das zählt. Das ist das, was zuerst zählt. Den nächsten Schritt zu wissen, sicher zu sein bei den anderen. Keine Affekte haben. Immer weiter.

Vincent van Gogh (Dutch, 1853–1890) „Prisoners‘ Round“, 1890.

M C Escher, „aufsteigend und absteigend“, 1960

Kommst Du weiter?

1. Die Affekte bei Freud3)

Bereits in seiner Veröffentlichung „Die Abwehr-Neuropsychosen“ führte Freud (1894) ein erstes Modell der Verdrängung ein. Er hatte festgestellt, dass einige seiner Patientinnen als psychisch gesund gelten konnten, bis es zu einer Situation kam, in der sich eine unverträgliche Vorstellung in ihr Bewusstsein drängte. Er nahm
an, dass die unverträgliche, starke Vorstellung dadurch
zu einer schwachen gemacht wird, indem die Erregungssumme, d.h. der Affekt, abgetrennt wird. Der Affekt wird dann entweder ins Körperliche umgesetzt (Konversion bei der Hysterie) oder er heftet sich an eine andere, bisher harmlose Vorstellung, die dadurch zur Zwangsvorstellung wird. In den „Studien über Hysterie“ (Freud, 1895) steht die Theorie des eingeklemmten Affekts im Mittelpunkt. Der Ursprung des hysterischen Symptoms wird in einem traumatischen Erlebnis gesehen, das keine angemessene Abfuhr des Affekts zuließ. Der Affekt ist „eingeklemmt“. Durch die Aktivierung der Erinnerung kann dieser Affekt wiederbelebt und abgeführt werden, wodurch die Symptome verschwinden. Diesen psychotherapeutisch wirksamen Prozess bezeichneten Breuer &
Freud (1970) als Katharsis.

Körper, Geist….

Zwischen 1905 und 1915 interessierte sich Freud für den Affekt überwiegend im Zusammenhang mit der Triebtheorie, z.B. in den beiden Schriften „Die Verdrängung“ (1915b) und „Das Unbewusste“ (1915a). Ein Trieb wird durch eine Vorstellung und durch ein฀anderes „Element der psychischen Repräsentanz“ (1915b, S. 255), den
Affektbetrag, repräsentiert. Anders formuliert: Der Trieb
hat eine Vorstellungs- und eine Affektrepräsentanz. Letztere, der quantitative Faktor der Triebrepräsentanz, kann drei mögliche Wege beschreiten:

„Der Trieb wird entweder ganz unterdrückt, so dass man
nichts von ihm auffindet, oder er kommt als irgendwie qualitativ gefärbter Affekt zum Vorschein, oder er wird in Angst verwandelt. Die beiden letzteren Möglichkeiten stellen uns die Aufgabe, die Umsetzung der psychischen Energien der Triebe in Affekte und ganz besonders in Angst als neues Triebschicksal ins Auge zu fassen.“ (Freud, 1915b, S. 255-256)

…. und Seele.

Diese Affektverwandlung, insbesondere die Verwandlung in Angst, bildet den wichtigeren Teil des Verdrängungsvorgangs, bleibt gleichwohl in diesen Schriften ein theoretisch ungelöstes Problem. Ein wichtiger Unterschied zwischen Vorstellung und Affekt liegt für Freud (1915a) darin, dass Affekte nicht in demselben Sinn unbewusst
sein können wie dies für Vorstellungen gilt.

Affekte können jedoch durch falsche Verknüpfungen verkannt werden und werden in diesem Sinne als unbewusst bezeichnet.  Was ist nun ein Affekt?  Freud (1917) beantwortet diese Frage mit einem Komponentenmodell: Ein Affekt besteht aus (1) den motorischen  Innervationen und Abfuhren, (2) den  Wahrnehmungsempfindungen  der  motorischen Aktionen, (3) Lust- und Unlustempfindungen, die den Grundton eines Affekts bestimmen und (4)  dem Niederschlag einer Reminiszenz, die in die Vorgeschichte  der  Art  zurückgeht.  Zentrale Aussagen seiner späteren  Angsttheorie  formuliert  Freud 1923  in  seiner  Schrift „Das Ich und das Es“. Das Ich gilt ihm jetzt als eigentliche Angststätte, nur das Ich kann den Affektzustand der Angst verspüren. Angst ist die Reaktion des Ich auf eine Gefahr, von denen Freud drei verschieden Arten feststellt: Drohungen durch die reale Außenwelt, von der Libido des Es und durch die Strenge des Über-Ich.  Angst entsteht, indem das Ich seine eigene Besetzung als Fluchtreflex von der bedrohlichen Wahrnehmung abzieht (sei sie außen oder innen) und „als Angst ausgibt“.  Während der Inhalt der Über-Ich-Angst oder Gewissensangst von Freud als Kastrationsangst ausgemacht wird, bleiben die anderen Angstinhalte diffus. In „Hemmung,  Symptom  und  Angst“  arbeitet  Freud  (1926)  diese  Theorie  weiter  aus.  Das ungeklärte Problem der Affektverwandlung entfällt. Das Ich ist nun die Instanz, die den  aus dem Es stammenden Erregungsablauf hemmt oder  ablenkt.  Dabei behandelt das Ich die von  innen  kommenden  Gefahren  in  analoger  Weise  zu  Realgefahren  von außen. Mittels der Abwehr, von der die Verdrängung  als eine spezifische Form verstanden wird, versucht das  Ich  dem  durch  die  Angst  ausgelösten  Fluchtimpuls  zu  folgen. Damit ist das Verhältnis zwischen Angst und Verdrängung neu definiert: „Nicht die Verdrängung schafft  die  Angst,  die  Angst  macht  die  Verdrängung!“  (Freud,  1933, S. 92). Ein solches Affektsymbol sei für die Situation der Gefahr eine biologische Notwendigkeit.4) Die  Signalfunktion des Affekts verringert die bisherige Diskrepanz zwischen Denken und Affekt; der Affekt ist nicht  mehr nur ein Faktor, der das Denken stört. Ein Übermaß  an Affekten hat jedoch ähnliche Auswirkungen auf das  Ich, wie das Erleben eines aktuellen äußeren Traumas,  auf das der psychische Apparat nicht vorbereitet ist und  das zu einem Zustand unaussprechlicher, nicht symbolisierungsfähiger  psychischer  Desorganisation  führen  kann.

If life’s little downs, they keep coming around
Carry on, carry on
With darkness all about, you want to scream and shout
Carry on, carry on

Während  Freud  ursprünglich  die  Affekte  eng  an die  Triebe gebunden sah – sei es im Modell der Libidostauung, die zur Angstentwicklung führt, oder in der Ableitung der Affekte aus den Trieben – hat er sich mit seiner  zweiten Angsttheorie von diesem Verständnis entfernt.  Der  Angstaffekt  ist  im  Wesentlichen  ein Signal  an  das  Ich. Die Verdrängung ist nicht Ursache, sondern Folge der  Angst. Zumindest was die Angst betrifft, scheint diese nicht mehr als Affektrepräsentanz eines Triebes verstanden zu werden. Henseler (1989) betont, dass in der veränderten Stellung der Angst gegenüber der Verdrängung  und in ihrem neuen Verständnis als Gefahrensignal, der  Affekt  eine  semantische  Funktion  erhält. Damit  liege  es nahe, auch andere Affekte als Bedeutungsträger anzusehen,  beispielsweise  Scham,  Schuld,  Demütigung, Sicherheit, Freude, Stolz u.a. Auch Freud (1926) stellte  fest, dass es wichtig wäre, eine genaue Analyse auch für  andere Affekte durchzuführen, hat diese Linie aber nicht  selbst weiterverfolgt

2. Frühe psychoanalytische Affekttheorien

Bereits innerhalb der ersten und zweiten Generation von Psychoanalytikern gab es Ansätze, in Anknüpfung an Freud eine weitergehende  Affekttheorie  zu  entwickeln,  von denen im Folgenden einige dargestellt werden. Landauer (1938) entwarf ein Modell, das Affekte und Triebe  als miteinander verwobene, aber dennoch auch voneinander  unabhängige,  körperlich  begründete  Reaktionssysteme ansieht. Während die Triebe als Kräfte des Es  kontinuierlich  und  rhythmisch  fließen,  handelt  es  sich  bei Affekten um typische, als Reaktionspotential ererbte  Antworten auf typische Anforderungen. Die lockere Objektbeziehung der Affekte, ihre Flexibilität und die Möglichkeiten der Affektverschiebung und Affektvermischung  scheinen Landauer mit drei von ihm postulierten „Primitivreaktionen“  (Einstülpung,  Ausstülpung,  Mimikry)  erklärbar. Alle Affekte werden im Verlauf der Ontogenese  zudem  immer  wieder  überarbeitet  und  komplizierter  gestaltet.  Neben  der  grundsätzlichen  Hemmung  der  Affekte  ist  die  Bildung  von  Superaffekten  ein  weiteres  mögliches  Affektschicksal.  Darunter  versteht  Landauer  die dauerhafte Verbindung zwischen zwei oder mehr Affekten, beispielsweise die Angst vor der Scham (Befangenheit) oder die Angst vor der Angst (Vorsicht). Solche  Superaffekte bilden die Grundlage für Stimmungen oder  für das individuelle Temperament.

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