Die Mechanik der Besetzungsabwehr
Der zentrale sozialtechnische Mechanismus der Besetzungreduktion ist der Verzicht auf die
motorischen Anteile der Affekte und damit verbunden die Kontrolle über die motorischen Anteile der
Affekte des Anderen. Dieser Verzicht gliedert sich in drei Verhaltensorganisationen: einmal der völlige
Verzicht auf Freudeinnervationen ( zygomatikus major ), dann das Herunterfahren des Ausdrucks der
„negativen Affekte“ die mit dem Sprechakt verbunden sind, mit drittens einer spezifischen Ausnahme,
beispielsweise bei den Paraniod Schizophrenen „Verachtung“, bei den Psychosomatiken „Ekel“.
Natürlich eignet sich der Verachtungsausdruck besonders gut um die negativen Selbstanteile im
Anderen durch Projektion zu implantieren. Verachtung ist das Transportmittel für Projektionen. Ekel
um einen „toxischen“ Anteil aus dem Selbst hinaus zu expedieren. Ekel säubert das Selbst vom Gift.
Insofern ist die Gegenübertragungsreaktion auch spezifisch.
Insofern ist die Gegenübertragungsreaktion auch spezifisch.
Man kann all dies nur beschränkt „Desaffektualisierung“ nennen, denn die Innenwelt der
Abwehrenden ist sehr wohl affektiv, wenn auch chaotisch.
Bei den Personen die wir untersucht haben kann man in etwa folgende Welten vorfinden:
- Paranoid Schizophrene – Angst vor Vernichtung /Verfolgung (psychotische Angst)
- Bei den Schwertraumatisierten – Distress (ein Undifferenzierter Innerer Zustand des Chaos)
- Panikpatienten mit Agoraphobie- Panik im Umfeld des drohenden Objektverlustes.
Einzig einige psychosomatischen Patienten scheinen nach der Innenseite tatsächlich eine Art von
Alexithymie zu erleben. Das ist auch nicht sehr verwunderlich, denn das toxische Geschehen im
Körper hat nie eine Repräsentanz gehabt, außer dass es giftig ist. Sie also könnten Gefühle, die an
einem wahrnehmbaren Objekt festgemacht werden, weder entwickeln noch erleben.
Unter bestimmten Randbedingungen ist das motorische affektive Modul sehr aktiv . Bei den
Paranoiden ohne Medikation, wenn sie in einen Schub geraten.
Bei den Schwertraumatisierten bei der Reaktivierung der traumatischen Situation mit alternierend
rasender Wut und Vernichtungsangst.
Bei den Pantikpatienten offene sichtbare Panik ( Distress Cry) bei Objektverlust.Bei den Pantikpatienten offene sichtbare Panik ( Distress Cry) bei Objektverlust.
Gesunde die mit dieser Interaktionsform ohne sichtbaren Affekt konfrontiert sind, verlassen im
Allgemeinen das Feld . Wenn dies nicht möglich ist, entwickelt sich so etwas wie ein weißes Flimmern
, wie bei einem kaputten Fernseher, begleitet von der Unmöglichkeit so etwas wie einen roten Faden
der Begegnung zu finden, es sei denn man verfolgt den eigenen ohne Berücksichtigung der chaotischen
Innenwelt des Patienten, was ja dann die Wiederholung der traumatischen Ursprungssituation wäre.
Insgesamt ist die Gefühlslage der Partner äußerst negativ, teilweise bei weitem schlimmer als bei den
Kranken selbst.
Einige behandlungstechnische Überlegungen
Auf der Grundlage der Annahme , dass die Desaffektualisierung im Sinne des Verschwindens des
Affektes im Ausdruck keine, der Struktur geschuldete, die ganze Person erfassende Eigenschaft ,
sondern eine sehr nachhaltige Form einer präventiven Abwehr ist, kann man die folgenden
Vermutungen einer empirischen und klinischen Überprüfung zuführen.
Zum einen gibt es viele Hinweise darauf, dass zumindest einige dieser Personen die Emotionen Ihrer
Partner sehr viel präzisier und genauer verstehen als der Durchschnittszeitgenosse. Schizophrene
beispielsweise sind in der Unterscheidung ob der Affekt simuliert oder echt ist, den Gesunden bei
weitem überlegen (Steimer -Krause 1996). Hochdissoziative mit einem Hintergrund an
Traumatisierungen sind den „Gesunden“ im Erkennen von traumatisch relevantem
Wahrnehmungsmaterial überlegen. Die ersteren pflegen eine sehr intensive Wahrnehmungsabwehr
(Blumenstock 2004). Wenn man dies einmal als gegeben setzen würde, müssten sie sich eigentlich in
der wahrnehmenden Konfrontation mit ihrem eigenen Verhalten als Objekt von Außen sehr wohl in
der Lage sein, sich selbst in Bezug auf die Gefühlslage zu erkennen obgleich die introspektive Welt
chaotisch und undifferenziert ist. Das gleiche gilt ja für die optisch akustische Wahrnehmung der
Gefühle des Analytikers, die sie ja sehr wohl erkennen.
Dafür haben wir eine Reihe von Befunden. In einer Studie die wir mit Prof. Gontard an der Kinder- und
Jugendpsychiatrie in Homburg durchgeführt haben, konnte an einer Stichprobe von Mutter – Kind
Dyaden mit sehr kranken Kindern gezeigt werden, dass Mütter mit unterdurchschnittlich
ausgeprägten reflexiven Funktionen Kinder mit hohem Ausmaß an klinisch relevanten Störungen
hatten ( Ziegler 2007) . Das ist nun nichts Neues. Eben diese unterdurchschnittliche selbstreflexive Funktion korrelierte aber hoch negativ mit der Häufigkeit ihres mimisch – affektiven Verhaltens (
Schenkelberger 2007) ,d. h. je niedriger ihr selbstreflexives Niveau eingeschätzt wurde, desto weniger
affektive Mimik zeigten Sie in der Interaktion mit den Kindern. Da es sich um korrelative Befunde
handelt, kann man die Kausalität auch umdrehen, weil Sie aus Abwehrgründen keine Mimik
entwickeln ist ihre Reflexivität auch in Bezug auf das Kind so niedrig. Wie dem auch sei das
entscheidende kausal operierende Zwischenglied ist der sichtbare oder fehlende Affekt in Mutters
Körper. Das ist neu.
Wenn sich die niedrige Reflexivität nur auf das attribuierte Innenleben des Kindes und das eigene
bezieht, könnte das handkehrum bedeuten, dass die Personen in einer Situation mit niedriger
Besetzung, die Affekte an sich und dem Kind sehr wohl wahrnehmen und identifizieren können. Die
Forschungsgruppe um Bertrand Cramer (2009) aus Genf hat eben dies zur Grundlage Ihrer
Vorgehensweise gemacht. Ein psychodynamisch gesteuertes Videofeedback des mütterlichen
affektiven Verhaltens mit dem Kind hat in wenigen Stunden zu massiven Veränderungen geführt, die
begleitet waren von der unmittelbaren Erkenntnis der Mütter, dass das Verhalten das sie an sich sahen
in keiner Weise dem Verhalten des Kindes angemessen war. Wenn man diese plötzliche Fähigkeit
nicht als Neuschaffung der introspektiven Qualitäten betrachtet , die ja bis anhin fehlten, sondern als
Rückgriff auf durchaus vorhandene skills , die aus Abwehrgründen nicht zum Einsatz kamen , nämlich
Abwehr gegen die Induktion des negativen Affektes bei sich selbst durch das Kind , dies in einer
Situation offline – nämlich im Video mit niedriger Besetzung , kann man diese Fähigkeit wahrscheinlich
recht schnell routinieren, und man benötigt den Umweg über die chaotische Innenwelt zumindest für
den Anfang nicht. Ob sich die Fähigkeit bei hoher Besetzung halten lässt, müsste man sehen. In neuen
noch unveröffentlichten Arbeiten unterscheidet Moser (2015) zwischen dem Monitorieren eines
Affektes der von Außen kommt und dekodiert wird und der Weiterleitung der Information in das
innere Verarbeitungssystem mit transformatorischem innerem Denken. Schwere Störungen könnten
beschränkt sehr gut monitorieren, weil die Abwehr direkt in der Regulierung abläuft. Das habe aber
keinerlei Konsequenzen für eine Veränderung des Letzteren.
